Autor: Charlotte Reimann

  • „Tag der Leseförderung“ zeigt Vielfalt außerschulischer Leseförderung in Schleswig-Holstein

    „Tag der Leseförderung“ zeigt Vielfalt außerschulischer Leseförderung in Schleswig-Holstein

    Auf Einladung der Landesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ) e.V. SH, des Jungen Literaturhauses und des im März gegründeten Lesenetzes Schleswig-Holstein trafen sich am 7. Oktober 2023 rund 50 Gäste zum Tag der Leseförderung im Literaturhaus SH in Kiel. Zur Veranstaltung kamen sowohl Fachleute, die sich mit anderen Initiativen austauschen wollten, als auch Menschen, die sich in der Leseförderung ehrenamtlich engagieren. Unter den Teilnehmerinnen waren Lehrerinnen, Bibliothekarinnen, Schulleiterinnen, Ehrenamtliche, Erzieherinnen, Autorinnen, eine Buchhändlerin und eine Kreisfachberaterin.

    Die zentrale Frage des Tages lautete: Wie können wir mehr Kinder für das Lesen begeistern? Die im Mai veröffentlichte internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) ergab, dass jedes vierte Kind einer 4. Klasse Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen von Texten hat. Welche Chancen bieten hier außerschulische Leseförder-Initiativen? Welche Konzepte funktionieren? Und was braucht es, damit diese Initiativen noch mehr Kinder erreichen?

    Die Veranstalter des Tags der Leseförderung: Dr. Christian Schmidt-Rost (LKJ), Linda Hartwig (Junges Literaturhaus) und Charlotte Reimann (Lesenetzes SH) vor dem Literaturhaus SH.

    Mit der Veranstaltung wollten wir aufzeigen, wie vielfältig Leseförderung sein kann und welche erfolgreichen Initiativen bereits existieren. Dazu haben wir sowohl neue als auch etablierte Vorlese-Initiativen eingeladen, darunter der Friedrich-Bödecker-Kreis in Schleswig-Holstein e.V., der Büchereiverein Dietrichsdorf e.V., MENTOR Leselernhelfer Kreis Plön, das Netzwerk „Lesen – was sonst?!“, die Aktion “Vorlesen in allen Sprachen” von Dussmann und der Stiftung Lesen und das Bücherkoffer-Projekt von Coach@School.

    Verena Andel und Alexander Kraft aus dem Bildungsministerium

    Im Namen des Ministeriums für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur hießen Alexander Kraft und Verena Andel alle Referentinnen und Teilnehmenden herzlich willkommen. 

    Friedrich-Bödecker-Kreis in Schleswig-Holstein

    Autorenlesungen an Schulen

    Margrit Ehbrecht, 1. Vorsitzende des Friedrich-Bödecker-Kreises in Schleswig-Holstein

    Margrit Ehbrecht engagiert sich seit 2006 ehrenamtlich im Vorstand des Friedrich-Bödecker-Kreises in Schleswig-Holstein e.V., seit 2014 ist sie die 1. Vorsitzende. Seit fast 40 Jahren setzt sich der Verein für Leseförderung und freies Schreiben ein. Die Ehrenamtlichen organisieren Autorenbegegnungen und Workshops an Schulen und in Kitas und probieren neue Formate, wie das Buchprojekt „Fischen im Wörtermeer“, die Büchertürme der Autorin Ursel Scheffler, Lyrik-Reisen und die Autorenpatenschaft der Wörterwelten.

    MENTOR-Leselernhelferinnen Kreis Plön

    Ein Kind ein Schuljahr beim Lesenlernen begleiten

    Gesa Gilbert, Mitgründerin der neuen MENTOR-Leselernhelferinnen-Gruppe im Kreis Plön

    Gesa Gilbert ist Mutter von drei Kindern und hat das Glück, sie beim Lernen gut unterstützen zu können. Das können aber nicht alle Familien, wie sie selbst in Zeugniskonferenzen erfahren hat. Mit ein bisschen Hilfe beim Lesenlernen könnten viele Kinder versetzt werden, die sonst die Klasse wiederholen müssen. Deshalb hat die Plönerin zusammen mit Elisabeth Krefft-Behrsing die Gruppe MENTOR Leselernhelfer Kreis Plön gegründet. „Über die Förderung der Sprach- und Lesekompetenz wird gleichzeitig auch das Selbstbewusstsein, die Sozialkompetenz, Selbstständigkeit und Kreativität der Kinder gestärkt“, erzählt sie. Alle diese Eigenschaften ermöglichen einen besseren Start in das Schulleben sowie gesellschaftliche Teilhabe.

    Büchereiverein Dietrichsdorf e.V.

    Rettung und Finanzierung einer Bücherei

    Bärbel Lubert, Vorstandsmitglied des Büchereivereins Dietrichsdorf

    Der Büchereiverein Dietrichsdorf e.V. wurde im Jahre 2005 gegründet. Das Ziel war, die Stadtteilbücherei in Dietrichsdorf vor der Schließung durch die Stadt Kiel zu bewahren. Dieses Ziel wurde erreicht – der Verein blieb, die Ziele veränderten sich. Um die Erwachsenen fürs Lesen zu gewinnen, müssen wir mit den Kindern anfangen, erkannten die Engagierten. Mit zahlreichen Veranstaltungen wie Bücherflohmärkten, Lesungen und einem Krimifestival verdient der Verein Geld, damit die Bücherei weiterlebt. Bis heute hat der Verein mit seinen ehrenamtlich organisierten Veranstaltungen rund 80.000 Euro für die Anschaffung neuer Medien für die Bücherei erwirtschaftet. „Wenn eine Bücherei nicht aktuell ist, dann stirbt sie“, machte Vorstandsmitglied Bärbel Lubert in ihrem Impulsvortrag deutlich.

    Kieler Kinder- und Jugendbuchkreis

    Kinder auf der Kieler Woche zum Schmökern bringen

    Regine Dürmeyer, Kieler Kinder- und Jugendbuchkreis

    Regine Dürmeyer ist Sonderpädagogin und engagiert sich seit zehn Jahren im Kinder- und Jugendbuchkreis. Seit über 40 Jahren setzt sich dieser für die Leseförderung ein. Jedes Jahr erstellen die ehrenamtlichen Mitglieder eine Buchempfehlungsliste mit rund 120 Titeln zu einem wechselnden Thema. Alle Bücher der Liste werden während der Kieler Woche und bei Einzelausstellungen präsentiert. Kinder und Jugendliche können so im Trubel der Kieler Woche auf der Krusenkoppel direkt in die Welt der Bücher eintauchen. Das Lesezelt sei „eine Institution auf der Kieler Woche“, bestätigte auch Alexander Kraft.

    Lesen – was sonst?!

    Kindern Angebote machen – Ideen gibt es genug

    Angelika Rau, Diplombibliothekarin und Literaturpädagogin

    „Wenn wir wirklich wollen, das Kinder nicht nur lesen lernen, sondern darin sicher und geübt sind, dann sollten wir, die lesen können, dieses Vergnügen weitergeben, teilen und den Kindern Angebote machen. Ideen gibt es genug,“ appelliert Angelika Rau. Sie hat über 40 Jahre Berufserfahrung als Diplombibliothekarin und eine Zusatzausbildung als Lese- und Literaturpädagogin. Im Jahr 2000 startete sie die erste Aktion im Rahmen von „Lesen – was sonst?!“

    Vorlesen in allen Sprachen

    Vorlesen in der Muttersprache ermöglichen

    Andrea Ludorf, Geschäftsführerin bei Dussmann das KulturKaufhaus in Berlin

    Andrea Ludorf ist gelernte Buchhändlerin und studierte Literaturwissenschaft und Geschichte in München. Bei Dussmann verantwortet sie als Geschäftsführerin die Bereiche Vertrieb und Marketing, wozu auch die Aktion “Vorlesen in allen Sprachen” gehört. Bei dieser Initiative produziert Dussmann, das KulturKaufhaus zusammen mit der Stiftung Lesen und den FRÖBEL Kindergärten neun Bilderbücher in acht Sprachen, um das multilinguale Vorlesen in Kindergärten und Familien aktiv zu unterstützen. Die Bücher erscheinen pünktlich zur Frankfurter Buchmesse und können regulär im Buchhandel bestellt werden.

    Bücherkoffer von Coach@School

    Vorlesen zuhause fördern

    Anna Majert, Verein Coach@School

    Anna Majert war extra aus Hamburg angereist, um das Bücherkoffer-Projekt von Coach@School vorzustellen. Zwei knallblaue Bücherkoffer begleiten eine erste oder zweite Klasse über die Dauer eines Schuljahres und rollen abwechselnd jeweils für eine Woche mit einem Kind nach Hause. Die Koffer sind gefüllt mit jeweils zwölf Kinderbüchern in bis zu 50 Sprachen. Zuhause motiviert der Bücherkoffer zum gemeinsamen Erzählen und (Vor-)Lesen in der Familiensprache und bindet Eltern aktiv ein. Im Schuljahr 2023/24 starten die ersten Schulen in Schleswig-Holstein im Programm. Am Tag der Leseförderung gab es noch ein paar letzte freie Plätze.

    Beeindruckend viel ehrenamtliches Engagement

    Zum Abschluss nur glückliche Gesichter (v.l.n.r.): Dr. Christian Schmidt-Rost (Geschäftsführer LKJ), Gesa Gilbert (Mitgründerin MENTOR Kreis Plön), Bärbel Lubert (Büchereiverein Dietrichsdorf e.V.), Andrea Ludorf (Geschäftsführerin Dussmann), Linda Hartwig (Junges Literaturhaus), Louisa (Praktikantin Literaturhaus), Britta Lange (Leitung Literaturhaus), Charlotte Reimann (Initiatorin Lesenetz SH), Anna Majert (Coach@School), Farangis Sawgand (Jury Junger Literaturpreis SH), Foto: Regine Dürmeyer

    Mit dem „Tag der Leseförderung“ boten wir den unterschiedlichen Initiativen im Land ein Forum, um sich zu präsentieren und auszutauschen. Das Ziel des Lesenetzes SH ist es, Räume zu eröffnen, in denen sich Menschen, die in der Leseförderung aktiv sind, inspirieren, unterstützen und voneinander lernen können. Ich denke, das ist uns mit diesem Tag der Leseförderung im Literaturhaus gelungen. Beeindruckend waren die vielen verschiedenen Ideen und das große ehrenamtliche Engagement, das hinter so vielen erfolgreichen Projekten steckt. In allen Vorträgen war die Lust am Lesen, die Freude an Poesie und Poetik und der Wunsch zu spüren, allen Kindern alle Chancen zu ermöglichen.

    Wunsch nach Unterstützung des Ehrenamts

    Es herrschte eine inspirierende und angeregte Stimmung im Literaturhaus. Nach den Impulsvorträgen ergaben sich viele spontane Gespräche. Tische standen bereit, an denen die Teilnehmer mit den Referentinnen ins Gespräch kommen konnten. Einige Gäste konnten von eigenen spannenden Initiativen berichten. Ganz frisch starten die Kolleginnen vom Lesenetz Hamburg / Seiteneinsteiger e.V. gerade das E-Learning-Angebot von Buchstart 4½. Eine auch für Schleswig-Holsteiner kostenfreie Online-Qualifizierung, die pädagogischen Fachkräften aus Kitas und Vorschulen Wissen und Methoden vermittelt, um Kinder auf ihrem Weg vom Vorlese- zum Lesekind mit Freude und Fachkompetenz zu begleiten.

    Neben der vielen positiven Energie und Leidenschaft, die spürbar war, wurde auch deutlich, dass sich das Ehrenamt an vielen Stellen Unterstützung von hauptamtlicher Seite wünscht. Eine Entlastung in der Verwaltungs- und Öffentlichkeitsarbeit hätte zur Folge, dass sich die Ehrenamtlichen stärker auf die eigentliche Leseförderung konzentrieren könnten. Eine landesweite Netzwerkstelle Leseförderung könnte verschiedene Initiativen beraten und entlasten. Damit könnten mehr Ehrenamtliche gewonnen und so mehr Kinder mit Leseförderangeboten erreicht werden. Eine Idee, die wir gern weiterverfolgen werden, denn auch wir engagieren uns größtenteils ehrenamtlich für das Lesenetz Schleswig-Holstein.

    Bis es so weit ist, informieren und vernetzen wir euch über unseren Instagram-Account @Lesnetz_SH. Auf der Website des Lesenetzes finden sich die Leseinitiativen & Vereine, die sich im Lesenetz SH austauschen. Neue Mitglieder sind herzlich willkommen!

    Der Tag der Leseförderung in Bildern

    Ein herzliches Willkommen: Linda Hartwig (Junges Literaturhaus) und Britta Lange (Leitung Literaturhaus)
    Interessiert lauschen die Gäste aus dem Ministerium und die beiden Veranstalter.
    Rund 50 Gäste waren ins Literaturhaus gekommen.
    Gespannte Zuhörerinnen
    Unter den Teilnehmerinnen waren Lehrerinnen, Bibliothekarinnen, Schulleiterinnen, Ehrenamtliche Vorleserinnen, Erzieherinnen, Autorinnen und eine Kreisfachberaterin.
    Im Anschluss an die Impulsvorträge gab es Kaffee & Muffins
    Raum für persönlichen Austausch und Vernetzung
    Alexander Kraft im Gespräch mit Andrea Ludorf
    Gesa Gilbert, Mitgründerin der MENTOR-Gruppe Kreis Plön
    Im Gespräch mit Sabine Böttcher
    Von den Teilnehmerinnen gab es positives Feedback.
    Regine Dürmeyer (links) und Mitglieder des Kinder- und Jugendbuchkreises Kiel

    Fotos: Charlotte Reimann

  • Netzwerk für Leseförderung in Schleswig-Holstein gegründet

    Netzwerk für Leseförderung in Schleswig-Holstein gegründet

    Am 24. März 2023 trafen sich auf Einladung der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ) Schleswig-Holstein e.V. rund 40 Engagierte im Nordkolleg Rendsburg, um das erste Netzwerk für Leseförderung in Schleswig-Holstein zu gründen. Unterstützt wurde die Initiative vom Friedrich-Bödecker Kreis in Schleswig-Holstein e.V., dem Bundesverband für Leseförderung e.V. und den Leselernhelfern MENTOR-Kiel

    Laut der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2021 können 28 Prozent der Viertklässler nur schwach oder sehr schwach lesen. Dabei ist Lesekompetenz die Grundlage allen Lernens und unverzichtbar für die aktive Teilhabe an der Gesellschaft. “Die Bedeutung außerschulischer Leseförderung für den Erwerb von Lesekompetenz ist aktuell so groß wie nie,” betonte Charlotte Reimann, Kuratorin des Preetzer Lesefests und Initiatorin der Idee eines landesweiten Netzwerks für Leseförderung.

    Die Teilnehmenden des Gründungstreffens reisten aus dem ganzen Bundesland an. Darunter waren zahlreiche Koordinatoren von Mentor – Die Leselernhelfer aus Lübeck, Mölln und Pinneberg, Bibliothekarinnen, Illustratoren, Kinderbuchautorinnen, Lehrerinnen, Vertreterinnen vom Landesförderzentrum Sehen (LFS), die Erzieherin einer Sprachkita, die Projektleitung des Jungen Literaturhauses SH und die Vertreterin einer Volkshochschule an der Westküste.

    Fachliche Impulse kamen bei der Auftaktveranstaltung von Susanne Brandt, Projektleiterin bei der Büchereizentrale Schleswig-Holstein; Lenara Sanders, Geschäftsführerin der Lübecker Bücherpiraten e.V.; Nina Kuhn-Moritz, Geschäftsführerin von Seiteneinsteiger e.V. und Nicole Wellbrock, Koordinatorin beim Lesenetz Hamburg

    Susanne Brandt
    Nina Kuhn-Moritz und Nicole Wellbrock
    Nina Kuhn-Moritz und Nicole Wellbrock

    Tag zur Leseförderung im Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel geplant

    Die Teilnehmenden tauschten sich intensiv über die Ziele und die Struktur eines landesweiten Netzwerks für Leseförderung in Schleswig-Holstein aus. Das Ergebnis ist das Lesenetz Schleswig-Holstein – ein loser Zusammenschluss von Menschen, die in der Leseförderung aktiv sind. Ziel des Netzwerks sind Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer. Einig waren sich die Teilnehmenden außerdem darin, dass es mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung für Leseförderung braucht. Verabredet wurde ein weiteres landesweites Netzwerktreffen im Herbst. 

    Christian Schmidt-Rost (Geschäftsführer LKJ) und Charlotte Reimann (Initiatorin Lesenetz SH)

    In Kooperation mit der LKJ ist am 7. Oktober 2023 ein Tag zur Leseförderung im Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel geplant. Es soll den Austausch untereinander ermöglichen und den Wissenstransfer fördern. Die Mitglieder können sich und ihre Angebote präsentieren, ihr Wissen in Workshops teilen, sich bei Kaffee und Klönschnack vernetzen und gemeinsam neue Ideen für die Leseförderung entwickeln.

    Das Lesenetz ist offen für alle, die sich in der Leseförderung engagieren (möchten). Wer Interesse hat, den Tag zur Leseförderung mitzugestalten, kann sich an das Organisationsteam wenden. Das nächste Treffen findet am 26. Mai 2023 von 10 – 12 Uhr im Literaturhaus SH (Schwanenweg 13) in Kiel statt. Kontakt: lesenetz[at]charlotte-reimann.de.

  • Kulturkonferenz entwickelt Visionen für den Kreis Plön

    Kulturkonferenz entwickelt Visionen für den Kreis Plön

    Kulturakteure wünschen sich weniger Bürokratie und mehr Freiheit

    Bei der diesjährigen Kulturkonferenz des Kreises Plön am 24. Oktober 2022 in Hohwacht durfte ich die Arbeit der Landesgruppe SH der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. vorstellen und über die Herausforderungen von Kulturarbeit in ländlichen Räumen sprechen. Die Kultur im ländlich geprägten Kreis Plön ist vorwiegend ehrenamtlich organisiert. Ohne Mathias Wolf, den ehrenamtlichen Kreiskulturbeauftragten, hätte es auch keine Konferenz gegeben. Der Künstler hat die 4. Kulturkonferenz im Kreis Plön vorbereitet und Kulturakteure und Politiker*innen aus dem gesamten Kreis dazu eingeladen.

    Kreispräsidenten Stefan Leyk hielt zu Beginn ein kurzes Grußwort. Als Kuratorin des Preetzer Lesefests und der Preetzer Lesewerkstatt sprach ich über die Herausforderungen bei der Umsetzung und skizzierte am Ende meines Vortrags eine Vision für die Zukunft der Leseförderung im Kreis. Heike Müller berichtete über den Start und die Vernetzungsarbeit des Kulturknotenpunkt Ost in Oldenburg in Holstein. Grit Wenzel, Geschäftsführerin der Tourismus GmbH Hohwacht, stellte in ihrem Vortrag die beeindruckende Zahl der Kulturangebote in Hohwacht vor: Jährlich finden in dem Ostseebad mit knapp 900 Einwohnern rund 260 Kulturveranstaltungen statt. In Kleingruppen diskutierten die rund 50 Teilnehmenden im Anschluss über die Chancen der Vernetzung, die Möglichkeiten, die der Tourismus bietet und die Herausforderungen für Kultur im ländlichen geprägten Kreis Plön.

    Mathias Wolf (links) organisierte als ehrenamtlicher Kulturbeauftragter die Kulturkonferez im Kreis Plön.

    Die größte Herausforderung ist das Geld

    Im Anschluss an meinen Vortrag moderierte ich einen Austausch über die Herausforderungen für Kultur im Kreis Plön. Die meisten der Teilnehmenden empfanden die Finanzierung von Kultur als die größte persönliche Herausforderung. Beklagt wurde der Publikumsrückgang von über 80% bei gewerblichen Kulturveranstaltungen im Kreis Plön seit der Pandemie. Die Veranstalter seien nicht mehr in der Lage die Honorare und Reisekosten für die Künstler*innen zu tragen. Sie fordern daher Fördergelder auch für nicht gemeinnützige Kulturveranstalter. Kritisiert wurden auch die starren Kriterien für eine Anerkennung und Förderung als soziokultureller Ort, beispielsweise für das Kindertheater des Monats oder die Strukturförderung Soziokultur des Landes. Die Kulturakteure im Kreis Plön wünschten sich außerdem weniger Bürokratie bei der Beantragung von Fördergeldern, mehr Durchblick bei den vielen verschiedenen Förderprogrammen sowie eine flexiblere Förderung nach tatsächlichen Bedarfen.

    Weitere Herausforderungen, die von den Teilnehmenden genannt wurden:

    • Entfernung / Mobilität
    • Mangelnde Wertschätzung
    • Relevanz von kultureller Bildung für Kinder wird nicht erkannt
    • Fehlende Werkstätten für die Verstetigung kultureller Angebote
    • Fehlende interkulturelle Vernetzung

    Gelobt wurde hingegen die Arbeit der Kulturvermittlerinnen im Kreis. Gut funktioniert auch die Vernetzung im Kleinen vor Ort.

    Farangis Sawgand (rechts) möchte eine Kulturhaus mit interkulturellem Programm gründen

    Visionen für die Kultur von morgen

    Besonders beeindruckt war ich von den vielen großartigen Ideen, die die verschiedenen Teilnehmenden – an Politik und Verwaltung gerichtet – in der knappen Zeit von einer guten Stunde zusammentrugen.

    Ideen und Wünsche an die Politik:

    • Ein Kulturcamp für Kinder
    • Die Gründung eines Vereins, der den Kulturakteuren im Kreis die Beantragung von Fördergeldern ermöglicht
    • Eigene kreative Lösungen auf die aktuellen Herausforderungen finden
    • Eine kulturelle Start-up-Förderung mit Risikokapital für Kulturprojekte, die auch scheitern dürfen
    • Einen Kulturfonds in Höhe von 200.000 Euro zur Kreativitätsförderung
    • Kreativitätsfördernde Freiräume
    • Eine „Kulturklausel“ bei Beschlüssen im Kreistag
    • Ein Kulturhaus mit Café und interkulturellen Angeboten
    • Eine hauptamtliche Netzwerkstelle Kultur für den Kreis Plön

    Alle Teilnehmenden waren sich einig, dass die Kulturkonferenz eine wichtige Plattform für den Austausch der Kulturakteure im Kreis Plön darstellt. Der Wunsch nach Vernetzung und Austausch ist vorhanden. Nun braucht es noch ein Format, um die auf der Kulturkonferenz gesammelten Wünsche und Ideen erfolgreich weiterzuverfolgen und in die Politik zu tragen.

    Wie geht es weiter?

    Eine Zusammenfassung der Kulturkonferenz ist als PDF auf der Seite www.kultur-im-kreis-ploen.de herunterladbar.

    Wer sich vernetzen möchte, kommt zum Kunst- und Kulturstammtisch im Kreis Plön im Lutterbeker in Lutterbek. Interessierte sind herzlich willkommen!

    Kontakt: Mathias Wolf, m.wolf-art[at]t-online.de

    Fotos: Farangis Sawgand

  • Was kann die Kultur für die Gesellschaft tun?

    Was kann die Kultur für die Gesellschaft tun?

    Krise als Chance für Transformation

    Die Corona-Pandemie hat den Kulturbetrieb in Deutschland stark getroffen. Obwohl die Einrichtungen längst wieder geöffnet haben, fehlt das Publikum. Theater- und Opernhäuser haben einen erheblichen Teil ihrer Abonnent*innen verloren. In Museen und Clubs kehren die Besucher*innen nur zögerlich zurück. Auch bei Lesungen bleiben viele Stühle leer. Die Verlage, gerade die kleinen Independent-Verleger*innen, kämpfen um Buchverkäufe und ums Überleben. Auch Bibliotheken, die am stärksten genutzten außerschulischen Kultur- und Bildungseinrichtungen in Deutschland, machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Während der Corona-Pandemie haben sie insbesondere Kinder als Nutzer*innen verloren. Diese konnten die Einrichtung nicht kennenlernen. Leseförderangebote wie Veranstaltungen und Kooperationen mit Schulen und Kitas fielen aus.

    In dieser herausfordernden Situation sorgen sich die Kultureinrichtungen zudem, dass sie schließen müssen, weil sie die aufgrund von Putins Krieg in der Ukraine explodierenden Energiekosten nicht tragen können. Bei fehlenden Besucher*innen wäre dieser Schritt nachvollziehbar, denn ganz Deutschland muss Energie und Gas sparen, damit es am Ende für alle reicht. Kulturstaatsministerin Claudia Roth möchte verhindern, dass Kultureinrichtungen schließen müssen, weil “Museen, Theater, Kinos auch Räume sind, die Menschen Bildung, Kommunikation und soziale Wärme ermöglichen“. Kultureinrichtungen sollen daher ab Januar 2023 mit dem „Kulturfonds Energie“ mit mehr als einer Milliarde Euro entlastet werden – im Gegenzug sollen die Veranstalter*innen von kulturellen Events Energie einsparen.

    In dieser Fördermilliarde liegt die (verpasste?) Chance, staatliche geförderte Kultureinrichtungen zu transformieren und sie in die sozialen Räume zu verwandeln, die wir in dieser Krise brauchen. Kulturbetriebe sollten sich nicht nur die Frage stellen, wo sie Energie einsparen können, sondern selbstkritisch hinterfragen, warum sie in der Krise weiterhin geöffnet bleiben sollen, während andere Einrichtungen vielleicht schließen müssen (etwa das städtische Hallenbad, in dem bereits in den vergangenen Jahren viele Kinder aufgrund von Corona nicht schwimmen lernen konnten).

    Eine Frage der Haltung

    Dokk1 – Bücherei und multikultureller Treffpunkt hat auch sonntags geöffnet

    Es ist viel die Rede davon, dass sich Kultureinrichtungen in sogenannte “Dritte Orte” verwandeln sollen. Diese bieten die Möglichkeit, mit Bildung, Kunst und Kultur, aber auch mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Der Begriff „Dritter Ort“ stammt von dem Stadtsoziologen Ray Oldenburg. Er beschrieb damit die sozialen Treffpunkte (zwischen dem Zuhause, einem ersten Ort und dem Arbeitsplatz, dem zweiten Ort), die für den sozialen Zusammenhalt eines Viertels sorgen.

    Ein herausragender Dritter Ort ist sicherlich das 2019 eingeweihte 280-Millionen-Euro-Bauprojekt Dokk1 in Aarhus. Es ist Bibliothek, Bürgerzentrum und Café im Herzen der Stadt. Die Besucher*innen finden dort zahlreiche Sofas und Sessel mit Blick aufs Wasser zum Lesen oder Musik hören. Außerdem Schreibtische zum Arbeiten, mehrere Indoor- wie Outdoor-Spielplätze, Spielkonsolen, eine Kreativwerkstatt, einen Turnraum für Kleinkinder und eine Küche, in der mitgebrachtes Essen zubereitet werden kann. Dokk1 will mehr sein als einfach eine Bücherei und ein Bürgerzentrum, nämlich ein Ort des Austauschs und ein multikultureller Treffpunkt.

    Eine solche Ausstattung und Lage sind beeindruckend. Um Kulturorte in Dritte Orte zu verwandeln, kommt es jedoch eher auf die Haltung an. Wen laden wir zu uns ein? Wie erleichtern wir unseren Besucher*innen den Zugang? Braucht es Übersetzungen auf Ukrainisch, Russisch, in leichte Sprache, andere Öffnungszeiten, freien Eintritt, mobile aufsuchende Teams?

    Welche Angebote und Kooperationen braucht es jetzt?

    Um auf die Hallenbäder zurückzukommen. Alarmierend ist nicht nur, dass laut der Deutschen-Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) quasi zwei Schuljahrgänge aufgrund von Corona nicht schwimmen gelernt haben. Ebenso dramatisch ist die Situation im Bereich Lesen, Schreiben und Rechnen. Bundesweit erreichen laut IQB-Bildungstrend 2021 22 Prozent der Viertklässler die Mindeststandards in Mathe nicht. Im Bereich Lesen sind es 19 Prozent. Es handelt sich um einen bundesweiten Abwärtstrend, der bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien und Kindern mit Zuwanderungshintergrund besonders groß ist.

    Angesichts dieser erschreckenden Zahlen sollten sich Kultureinrichtungen wie Theater, Museen und Bibliotheken fragen, wie sie den Schulen beiseite stehen können. Welche neuen Kooperationen und Angebote wären umsetzbar und welche sollten weiter ausgebaut werden? Ich würde mir wünschen, dass die vom Deutschen Kulturrat aus dem Energiefonds geforderten 800 Mio. Euro nicht einfach nur als Wirtschaftlichkeitshilfe und Ausfallhilfe eingesetzt werden. Damit sollten gezielt kulturelle Bildungsangebote gefördert werden, die genau diese Kinder unterstützen und einbinden.

    Was kann die Kultur für die Gesellschaft tun?

    Gerahmte Pappschilder von Bettler*innen, ARoS Aarhus Kunstmuseum

    Kultur ist auch immer Teil eines gemeinschaftlichen Erlebnisses. Wer kennt nicht den Bilderbuch-Klassiker „Frederik“ von Leo Lionni? Während die anderen Mäuse Vorräte für den Winter sammeln, sammelt Frederick lieber Wörter, Farben und Sonnenstrahlen. Als alle Vorräte aufgefuttert sind, wärmt und erfreut Frederick die anderen mit seiner Kunst. In diesem Sinne sollte sich jede Institution, die Fördergelder aus dem „Kulturfonds Energie“ erhält, überlegen, wie sie diese Zuwendung an die Gesellschaft zurückgeben kann.

    Wir können Armut und Ungerechtigkeit als Themen in die Kultur bringen, etwa in Form einer Ausstellung. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läuft noch bis Februar 2023 die Ausstellung „Who’s next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt„, die Lösungsansätze für Wohnungslosigkeit liefert. Das Museum stellt nicht nur Lösungen vor, sondern setzt sich auch dafür ein, dass der Vorplatz des Museums zu einem würdigen Aufenthaltsort für Obdachlose und Drogenkonsumentinnen umgestaltet wird.

    Statt nur Fragen zu stellen, können wir also auch versuchen, Antworten zu finden. Wie können wir in diesen Zeiten Zuversicht schenken, welches Problem können wir lösen? Der thailändische Künstler Rirkrit Tiravanija wurde in den 1990er Jahren damit berühmt, dass er im Ausstellungsraum Curry kochte und an die Besucher*innen verteilte. Er zielte darauf ab, aus passi­ven Zuschau­enden aktive Teil­neh­mende zu machen und die Trenn­li­nie zwischen Kunst und Leben zu verwi­schen. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, das Leben in die Kunst zurückzuholen?

    Finden wir kreative Antworten!

    Uns steht ein Winter bevor, in dem Menschen frieren werden, weil sie sich die gestiegenen Energiekosten nicht mehr leisten können. Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland und konkurrieren mit den Menschen vor Ort um viel zu knappen Wohnraum. Die Inflation ist so hoch, dass die meisten Tafeln keine neuen Kund*innen mehr annehmen, weil die Nachfrage größer ist als das Angebot. Trauen wir uns, unsere Kulturinstitutionen zu öffnen und mit allen zu teilen. Laden wir die Tafeln direkt zu uns ein und bitten wir unsere Besucher*innen um Sachspenden. Geben wir Flüchtlingen aus der Ukraine und anderen Ländern die Möglichkeit, mitzugestalten. Stellen wir Sofas und Sessel in Museen, bieten wir „soziale“ und auch ganz reale Wärme.

    Kultur ist die „Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung“ – so lautet die Definition von Kultur von Oxford Languages. Wer also, wenn nicht die Kultureinrichtungen sollten kreative Antworten auf die aktuellen Herausforderungen – Krieg, Energiekrise, Inflation, Wohnungsnot, Bildungsmisere – finden? Wir sollten uns nicht damit begnügen, nach Krisenfonds zu rufen – ja, diese sind wichtig! – sondern den Blick noch intensiver darauf richten, was wir tun können, um einen Unterschied zu machen.

    Die Positionierung „Die Energiekrise ist auch eine Kulturkrise“ des Präsidenten der Kulturpolitischen Gesellschaft enthält viele gute Vorschläge, was jetzt zu tun ist. Legen wir also los!

    Einen Unterschied macht hier die Lesung der Autorin Irene Margil für die Drittklässler*innen einer Preetzer Grundschule im Rahmen der Preetzer Lesewerkstatt im Oktober 2022.

    Bildausschnitt: Still Life with Flowers and Fruit, Henri Fantin-Latour, 1866, The Metropolitan Museum of Art, Public domain

  • Wer kennt Marie Juchacz?

    Wer kennt Marie Juchacz?

    Die Blogparade #femaleheritage“ der Münchner Stadtbücherei versammelt vergessene Autorinnen, Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen. Perfekte Inspiration für alle, die eine U-Bahn-Station umbennen oder eine neue Schule bauen wollen.

    Bei uns in Preetz gibt es ein Friedrich-Schiller-Gymnasium, eine Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule, eine Friedrich-Ebert-Grundschule und eine Herman-Ehlers-Grundschule. Bildung scheint hier nur männliche Vorbilder zu kennen. Dabei gibt es in Preetz auch einen namenlosen AWO Bildungscampus. Die Arbeiterwohlfahrt, die heute jeder als AWO kennt, wurde am 13. Dezember 1919 von einer Frau gegründet. Marie Juchacz hat nicht nur die AWO gegründet, sondern auch für das Frauenwahlrecht gestritten, das 1918 eingeführt wurde. Sie hielt als erste Frau in einem deutschen Parlament eine Rede.

    Marie Juchacz, die unbekannte Oma der Demokratie

    Die taz nennt Marie Juchacz die „Uroma der Demokratie“ und konstatiert: „Heute ist Marie Juchacz erstaunlich unbekannt.“ Das verwundert nicht, wenn nicht nur in Preetz, sondern auch in anderen Städten die Schulen nur nach männlichen Denkern oder Politikern benannt werden. Aufmerksam wurde ich das erste Mal auf Marie Juchacz in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Bad Malente. Die Bildungsstätte trägt zwar nicht ihren Namen. Aber immerhin hat Marie Juchacz es dort in eine Reihe von Schwarzweiß-Porträts geschafft – eine etwas verstaubte Wall of Fame der Sozialdemokratie – größtenteils Männer.

    150 Blogartikel zu faszinierenden Frauen

    Die Münchner Stadtbibliothek/Monacensia hat zur Blogparade „Frauen und Erinnerungskultur“ aufgerufen. Ihr Ziel ist es „über die Präsenz von Frauen und ihre Leistungen und Lebensentwürfe im kollektiven Gedächtnis in den Austausch zu gehen und sie darüber hinaus in das kulturelle Gedächtnis einzuschreiben“. Über 150 Blogartikel zu faszinierenden Frauen wurden bereits veröffentlicht. Sie bieten reichlich Inspirationen für alle Bürgermeister:innen und Stadträt:innen, die auf der Suche sind nach einem neuen Straßennamen, die eine U-Bahn-Station umbennen oder eine neue Schule bauen wollen. Die Sozialdemokratin Marie Juchacz ist dabei nur eine von vielen Frauen, die wir in die Kulturgeschichten der Städte zurückschreiben sollten.

    Kleiner Exkurs: In den deutschen Parlamenten gibt es 2020 immer noch keine Parität

    Am 19. Februar 1919 hielt Marie Juchacz als erste Frau eine Rede in einem deutschen Parlament. Zusammen mit 36 weiteren Frauen gehört die damals 40-jährige Sozialreformerin und Frauenrechtlerin zu den ersten weiblichen Abgeordneten in Deutschland. Über 100 Jahre später gibt es in den deutschen Parlamenten immer noch keine Parität. Nach Klagen von AFD und NPD hat das Brandenburger Verfassungsgericht im Oktober 2020 das Paritätsgesetz zu den Kandidatenlisten der Parteien für Landtagswahlen gekippt.

    Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, hat diese himmelschreiende Ungleichberechtigung in einem Gespräch mit der Aufsichtsrätin Simone Menne über die Quote mit einem eindrücklichen Beispiel illustriert: Es wird als selbstverständlich angesehen, dass alle 27 Mitgliedstaaten der EU gleichberechtigt in der Europäischen Kommission vertreten sind. Es wird jedoch nicht als selbstverständlich angesehen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt in der Exekutive vertreten sind. Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hat im November 2020 die verbindliche Frauenquote in Vorständen (In Vorständen börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern muss demnach künftig ein Mitglied eine Frau sein) als historischen Durchbruch verkündet – von Parität ist diese Quote allerdings noch weit entfernt.

    Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien

    Und wie sieht es mit Parität im Kultur- und Medienbetrieb aus? Der aktuelle Status Quo und geeignete Maßnahmen, wie Geschlechtergerechtigkeit im Kultur- und Medienbetrieb langfristig hergestellt werden kann, waren am 8. Dezember 2020 die Themen der digitalen Konferenz des Deutschen Kulturrats (im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft) „Geschlechtergerechtigkeit in Kultur & Medien Europas“. Die Videos der Vorträge sind auf der Web-Plattform zur Konferenz weiterhin abrufbar.

    Hier geht es zur Blogparade der Münchner Stadtbücherei, der Monacensia als literarisches Gedächtnis Münchens: Frauen und Erinnerungskultur | #femaleheritage“

    Collage: Bild von Marie Juchacz und Reichtagskuppel (Foto: Francesco Luca Labianca /Unsplash)

  • Kultur kann das Thema Nachhaltigkeit groß machen

    Kultur kann das Thema Nachhaltigkeit groß machen

    Web-Talkreihe „Kulturpolitik der Nachhaltigkeit“

    Die 5-teilige Web-Talkreihe der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. mit erfahrenen Expert:innen überzeugt mit kurzen, konzentrierten, an Infos und Praxisbeispielen dichten Vorträgen und einer flotten Moderation von Anke von Heyl. Die Web-Talks zu Kultur & Nachhaltigkeit finden noch bis zum 8. Dezember immer dienstags von 16:30–17:45 Uhr via Zoom statt und stehen danach online zur Verfügung.

    Da ich mich mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Kultur bislang noch nicht intensiver beschäftigt hatte, war ich fasziniert von der Fülle an Konzepten und Projekten, die in den Web-Talks vorgestellt wurden. Im Anschluss habe ich direkt einige Anregungen für unser Projekt „Lesefest Preetz“ übernommen. Ich bin gespannt, ob es uns gelingen wird, das Fest klimaneutral zu gestalten.

    Empfehlen kann ich die folgenden Web-Talks:

    screenshot vortrag Föhl
    Screenshot Vortrag Patrick S. Föhl

    Netzwerke und Konzepte für eine nachhaltige Kulturpolitik

    Patrick S. Föhl ist Gründer und Direktor des »Netzwerks für Kulturberatung« in Berlin. Seine Lösung für das Wachstums-Dilemma der Kultur sieht er in Kooperationen und Schwerpunktsetzung. Wichtig ist für ihn dabei immer die Frage nach der Relevanz für die Gesellschaft. Seine schönen Folien kann man sich hier noch mal ansehen.

    Jacob Sylvester Bilabel, Leiter des Netzwerks Nachhaltigkeit in Kultur und Medien, fragt, wie wir Wachstum eigentlich definieren? Kreativität sei eine paradoxe Ressource, denn Liebe, Kreativität und Gemeinschaft könnten unendlich wachsen. 80% der Emissionen im Kulturbereich hätten nichts mit Kreativität zu tun.

    Kristina Grube ist Teil der Projektschmiede für Nachhaltigkeit & Transformation. Sie erzählt von dem Selbstversuch, klimaneutrale Veranstaltungen durchzuführen. Herausgekommen ist dabei der Leitfaden „Wie lassen sich Kulturveranstaltungen klimaneutral gestalten?“, der kostenlos heruntergeladen werden kann. Kristina Grube fragt, was wäre, wenn Kulturveranstaltungen und Kulturhäuser Klimabilanzen erstellen und daran gemessen ihre CO-2-Emissionen reduzieren würden? Sie plädiert dafür, das Kultureinrichtungen einen Nachhaltigkeitskodex als
    Strategieinstrument UND zur Berichterstattung nutzen. Ihr Fazit: „Mutig sein und ausprobieren“ und „vor allem einfach loslegen!“

    Hier geht es zum Video des Web-Talks Netzwerke und Konzepte für eine nachhaltige Kulturpolitik.

    Screenshot Vortrag Föhl Nachhaltigkeit
    Screenshot Vortrag Patrick S. Föhl

    Fördersysteme und Unterstützungsbedarfe für eine nachhaltige Kulturpraxis

    Kirsten Haß, Verwaltungsdirektorin und Vorstand bei der Kulturstiftung des Bundes, ist dafür, dass verbindliche Bedingungen und Förderauflagen für Nachhaltigkeit gesetzt werden. Das wünschen sich auch diejenigen, die diese Mittel beantragen. Zunächst braucht man eine eine CO2-Analyse. Doch was passiert, fragt Kirsten Haß, wenn man die Zahlen hat, wenn man ein Instrumentarium hat? Gibt es die nächste Förderung dann nur, bei einer Reduzierung? Und darf man zurückfallen? Darauf muss man Antworten finden. Dienstreisen einzuschränken, sieht sie kritisch. Für die Kultur sei es wichtig, sich in der Welt zu bewegen. Der Kulturbereich ist am Ende nur ein kleiner Player im Ressourcenverbrauch, doch Kultur kann so ein Thema groß machen. Kultur kann ein wichtiger Multiplikator für das Thema Nachhaltigkeit sein.

    David Klein, Leiter des Amtes für Kultur und Denkmalschutz der Landeshauptstadt Dresden, schafft bei neuen Stellen Anteile für Nachhaltigkeit. Denn ohne Manpower geht es nicht. Bisher erheben sie nur Output-Input-Zahlen wie Besucherzahlen. Nachhaltigkeitkennzahlen fehlen bisher. Es braucht eine CO2-Bilanz, eine datenbasierte Analyse des Status quo – präzise, sodass Veränderungen messbar sind. Mit dem Projekt „Culture for future“ wollen sie nun nachhaltiges Handeln in Kunst und Kultur, anhand der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN, implementieren. Dieses Nachhaltigkeitskonzept soll nicht top-down, sondern partizipativ entwickelt werden. Ziel ist es, einen Handlungsleitfaden zu generieren, der auch für andere Institutionen nutzbar ist. Dresden freut sich auf Austausch und weitere Akteure. Mehr Infos dazu gibt es hier.

    Maximilian Kromer ist Klima.Netzwerker der EnergieAgentur.NRW. In dieser Rolle unterstützt er Unternehmen und Kommunen in der Klimaschatzarbeit. Er sieht die interne Organisation als wichtigstes Fundament auf dem Weg zu mehr Klimaschutz im Unternehmen. Es gilt zunächst ein Leitbild zu entwickeln und einen „Klimaschutz–Check“ in Entscheidungsprozesse mit aufzunehmen. Eine CO2-Bilanzierung liefert einen guten Überblick, wo man sich befindet.

    Hier geht es zu den Vorträge und der Aufzeichnung von Fördersysteme und Unterstützungsbedarfe für eine nachhaltige Kulturpraxis.

  • Wie kann Kultur der ideale Experimentierraum für Innovation sein?

    Wie kann Kultur der ideale Experimentierraum für Innovation sein?

    Welche Chancen zeigen sich in der Krise für das Zusammenspiel von Kultur und Innovation? Welche Innovationen braucht der Kulturbetrieb? Und welche Rolle spielt Kultur bei der Stadtentwicklung?

    Fünf Expert:innen aus dem Kulturbereich geben darauf innovative Antworten. Beim Online-Panel „Kultur & Innovation“ der Kulturpolitischen Gesellschaft Rhein-Neckar am 11.11. diskutierten sie unter anderem die #NeueRelevanz der Kultur. Die Kulturpolitische Gesellschaft e.V. versteht sich als bundesweiter Think- and Do-Tank für Kulturpolitik.

    Haltung als Voraussetzung für Innovation

    Martin Zierold, Leiter des Instituts für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, eröffnete die Runde mit einem Vortrag über die #NeueRelevanz der Kultur in Corona-Zeiten. Seine These lautet: Genau wie Vertrauen kann man Wertschätzung nicht einfordern, man muss sie sich auch verdienen.

    „Kultur ist zum Beispiel nicht für alle da. Ihre Produktion wird zumindest nicht von allen als derzeit annähernd größtes Problem empfunden. Sie interessiert dringlich nur eine Minderheit, wenn auch eine vergleichsweise lautstarke.“

    Tobi Müller, in der ZEIT vom 29. Oktober 2020

    Laut Martin Zierold ist Innovation immer eine Interpretation und Bewertung von etwas durch jemanden. In unsicheren Zeiten ist Haltung die Grundlage für Handlungsfähigkeit. Wirksame Haltung ist dabei eine Frage der Stimmigkeit. Eine glaubwürdige Haltung beruht auf einem stimmigen Handeln im Hinblick auf gesellschaftliche Herausforderungen. Haltung und Stimmigkeit, so lautet seine Schlussfolgerung, sind Voraussetzung für wirksame Innovation in Zeiten von Unsicherheit.

    Screenshot Vortrag von Prof. Dr. Martin Zierold
    Screenshot Vortrag von Prof. Dr. Martin Zierold

    Visionieren ist wichtiger als verwalten

    Es muss toll sein, in Bonn Kultur zu machen! Dieser Gedanke kommt einem unweigerlich, wenn man Birgit Schneider-Bönninger, Kultur- und Sportdezernentin der Bundesstadt Bonn, zuhört. Mit ihrer Forderung „Visionieren ist wichtiger als verwalten“ bringt sie Gründerstimmung in die Verwaltung. Ihre Schlagworte sind „Echte Partizipation“, „Ideen zählen“, „Ressortübergreifende und hierarchiefreie Zusammenarbeit“ und „Synergie als Schlüssel“. Sie plädiert dafür, „Verwaltung als Versuchsanordnung zu sehen„, Systembrüche zu wagen (mit welchen Querdenkern besetzt man freie Positionen?) und so viele Möglichkeitsräume zu schaffen wie möglich (Zwischennutzung, „Beginner-Klima“). Durch Corona befinden wir uns alle in einem Experiment und erfinden uns gemeinsam neu, resümiert sie.

    In Bonn erfindet Birgit Schneider-Bönninger neue Formate, indem sie Sport und Kultur zusammenbringt. Eine Grünfläche verwandelte sich so im Sommer 2020 in einen “Opern-Rasen“. Vier Monate lang fanden dort Sportangebote umsonst und draußen statt, abwechselnd mit Konzerten und Auftritten von Straßenmusiker:innen. Es entstand ein neuer Wohlfühl- und Lieblingsort für alle Bonner:innen. So ein Format stärkt das „Wir“-Gefühl in der Stadtgesellschaft, ist sich die Kultur- und Sportdezernentin sicher. Die unterschiedlichen Zielgruppen wurden gemischt und das gegenseitige Verständnis ist gewachsen.

    Als Direktorin des Stuttgarter Kulturamtes hatte sie bereits das preisgekrönte „Zukunftslabor Kultur“ gestartet, das ein Erfolgsmodell für andere Städte geworden ist, die ihre digitalen Zukünfte partizipativ und kreativ gestalten wollen. Für Birgit Schneider-Bönninger ist ein „Labor“ der perfekte Ort, um Neues zu erfinden und querzudenken. Sie betont auch, wie wichtig es ist, die Menschen zu fragen, was sie sich wünschen und was ihnen fehlt. Und dass es wichtig sei, Kulturakteure auf Augenhöhe miteinzubeziehen.

    Sport im Park - OpernRasen Bonn
    Alternatives Sport im Park-Angebot auf dem Opernrasen u.a. von der Universität Bonn Foto: ©colourbox.com/Uni Bonn

    Kultureinrichtungen sollten sich fragen, wie sie sich als Ressource ihrer Stadt verstehen können

    Inka Neubert, Künstlerische Leitung und Geschäftsführung des Theaterhaus G7 in Mannheim, sucht neue Formen, wie Theater unter Corona stattfinden kann. „Nur abfilmen“ ist in ihren Augen eine unbefriedigende Lösung. Doch um hier neue Ansätze zu entwickeln, bräuchten sie Menschen, die sie im Digitalen unterstützen. Henning Mohr, Leiter des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. in Bonn, beobachtet, dass Kollaboration immer wichtiger wird.

    Für Birgit Schneider-Bönninger ist es entscheidend, dass die Institutionen auch in die Stadtteile gehen und Teilhabeformate anbieten. Ziel ihrer Arbeit war es immer, Menschen zusammenzubringen, sei es bei Kulturstammtischen oder Kulturbarcamps. Auch bei Sponsoren sollte man die Lust auf Kultur wecken, auch diese bräuchten permanente Ansprache. Kultureinrichtungen sollten sich fragen, wie sie sich als Ressource ihrer Stadt verstehen können und Angebote über „die eigene Bühne“ hinaus planen. Sie sollten in den Dialog gehen und die Bewohner forschend fragen: Was könnt ihr gebrauchen?

    Archiv des Misserfolgs

    Das „Archiv des Misserfolgs“ ist eine interaktive Geschichtensammlung und Ausstellung im Theaterhaus G7.

    Statt „Antragslyrik“ Möglichkeit zum „Scheitern“ geben

    Alle Diskussionsteilnehmer:innen sind sich einig, dass Kunst und Kultur der perfekte Raum sind, um Utopien zu entwerfen. Moderator Matthias Rauch, Sprecher der Regionalgruppe Rhein-Neckar der Kulturpolitischen Gesellschaft und Leiter der Kulturellen Stadtentwicklung, NEXT Mannheim, macht jedoch darauf aufmerksam, dass die aktuellen Förderlogiken der Kulturpolitik ein Scheitern per se ausschließen. Damit sei das Ergebnis im Förderantrag bereits festgeschrieben.

    Was wir bräuchten, wären jedoch offene Prozesse, erkennt Henning Mohr. Denn zu einem Experiment gehört, dass man damit scheitern kann und muss. „Das ganze System der Kulturförderung müsste man transformieren“, fordert Birgit Schneider-Bönninger. Inka Neubert stimmt zu: Man lerne eine regelrechte „Antragslyrik“. Das Thema Scheitern hat sie in dem künstlerischen Projekt „Archiv des Misserfolgs“ verarbeitet, denn es ist ihr wichtig, „dass man dem Scheitern Räume gibt“.

    Martin Zierold hat auch schon einen Vorschlag, wie man die Förderkriterien verbessern könnte. Es müsste ein Kriterium geben, dass danach fragt, was wir gelernt haben. Die anderen Diskussionsteilnehmer:innen ergänzen, dass im Kulturbetrieb eine Kultur der Weiterbildung fehle. Insbesondere die Leitung großer und kleiner Institutionen, so Cora Malik, Geschäftsführerin des Kulturhauses Karlstorbahnhof in Heidelberg, sei oft wahnsinnig Status quo bezogen. Damit fehlt auch häufig die Ausrichtung der Kulturinstitutionen auf die Gesellschaft. Durch Berufung auf die künstlerische Freiheit entstünden mitunter viel zu „homogene Bubbles“.

    Screenshot Kultur & Innovation
    Screenshot des Webpanels „Kultur & Innovation“

    5 Tipps, wie Innovation durch Kultur gelingen kann

    Am Ende zieht jeder der Diskussionsteilnehmer sein persönliches Fazit, welche Voraussetzungen wir brauchen, damit Kultur ein idealer Experimentierraum für Innovation werden kann:

    1. Institutionen öffnen, mehr in Kollaborationen denken und durch Kulturpolitik entsprechende Anreize schaffen. (Henning Mohr)
    2. Mut aufbringen; keine Berührungsängste haben; alle Akteure, die sich der Stadt bewegen mitdenken; Kunst soll Stadtgespräch werden, alle sollen sich davon berührt und getroffen fühlen; rebellisch sein auf Verwaltungsseite. (Birgit Schneider-Bönninger)
    3. Die Dinge selbst vorantreiben und auf andere zugehen. (Cora Malik)
    4. Offenheit, Transparenz und ein vertrauensvolles Verhältnis sind wichtig; auch Streit ist erlaubt. (Inka Neubert)
    5. Lernen von dem, was es gibt. Nicht einfach kopieren, sondern lokal und kontextabhängig eigene Formate entwickeln. (Martin Zierold)

    Fazit

    Die Erfahrungen und Erkenntnisse der Kultur-Expert:innen sind für mich enorm wichtig. Denn sie stützen meine Ideen und die Konzeption meiner eigenen Kulturprojekte, wie das Lesefests in Preetz. Es ist wunderbar zu erfahren, dass es anderswo erfolgreiche partizipative Kulturprojekte gibt, die in die Stadt hineinwirken. Und sehr ermutigend, dass Verwaltung anders sein kann als man sie bisher kennt und dass dieses Beispiel Schule machen könnte.

    Der Schlusssatz von Martin Zierold trifft mich ganz besonders. Denn einen Tag zuvor hatte ich mit dem Leiter des Freiburger Literaturfestivals telefoniert. Ich hatte Mario Willersinn vom Kulturamt Freiburg angerufen, der das Lirum Larum Lesefest koordiniert. Mich begeisterte sein partizipativer Ansatz, Kinder in die Programmgestaltung mit einzubeziehen. Ich wollte wissen, welche Erfahrungen er damit gemacht hat. Es wurde ein langes tolles Telefonat, aus dem ich sehr viele Ideen mitgenommen habe, von denen ich einige nun im ländlichen Raum ausprobieren möchte. In Erinnerung geblieben ist mir der Satz des Freiburgers „Man darf auch scheitern“, den ich nach diesem Panel besser einordnen kann. Der Förderantrag für das Lesefest ist übrigens längst abgegeben. Wie gut, dass mir diese Veranstaltung Mut gemacht hat, neue Wege zu gehen, damit das Fest weiter an Relevanz gewinnen kann.

    Die Diskussion wurde aufgezeichnet. Das Video steht hier zum Nachschauen zur Verfügung.

    Beitragsfoto: Projekt OpernRasen, Strandbar vor der Bonner Oper. ©Giacomo Zucca/Bundesstadt Bonn

  • Ernährung der Zukunft: Foodsharing oder Backen mit Insekten?

    Ernährung der Zukunft: Foodsharing oder Backen mit Insekten?

    Wie man Bildungsangebote für nachhaltige Entwicklung (BNE) für Jugendliche erfolgreich startet.

    Die Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume hatte am 29. Oktober zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Verein BildungsCent zu einem bundesweiten Online-Workshop Jugend bewegt UNSER ESSEN und KLIMASCHUTZ eingeladen. Die Frage, wie eine nachhaltige Ernährung aussehen kann, beschäftigt mich bei meinem Vernetzungsprojekt „Kochen für Kinder„. Daher war ich sehr gespannt, was mich bei dem Workshop erwarten würde.

    Bei der Veranstaltung wurde diskutiert, wie man junge Menschen vor Ort mit dem Thema Ernährung und Klimaschutz erreichen kann. In kleineren Breakout-Sessions wurden eigene Erfahrungen in der Jugendarbeit ausgetauscht und in einem Miro-Board kollaborativ zusammengetragen. Dazu gab es fundierte Praxisbeispiele aus dem Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung von der Organisation BildungsCent e.V., der NAJU Brandenburg und der Jungen Biosphäre Saarland.

    Der Workshop war Teil der Veranstaltungsreihe Jugend bewegt, die sich damit beschäftigt, was Jugendliche interessiert und auf welche Weise sie an aktuellen Entwicklungen gleichberechtigt teilhaben können. Junge Menschen in die Prozesse der Regionalentwicklung einzubinden, ist oft schwer. Gleichzeitig zeigt sich, dass es wichtig ist, diese Zielgruppe zu beteiligen. Junge Menschen bleiben oder kommen wieder, wenn sie sich mit ihrer Heimat verbunden fühlen.

    Menti-Klima-Ernährung
    Der Online-Workshop, moderiert von Stephanie Müller von der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume, startete interaktiv mit einer Umfrage über menti.com

    BildungsCent e.V.

    Die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen

    Die gemeinnützige Organisation BildungsCent e. V. setzt sich für die Förderung einer neuen und nachhaltigen Lehr- und Lernkultur in Schulen und Bildungseinrichtungen ein. Christina Schulze, Mitarbeiterin bei BildungsCent e.V. , stellte im Online-Workshop die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen vor. Die nachhaltige Transformation der Gesellschaft schließt auch das Thema Ernährung mit ein.

    „Wir müssen unser Denken und Handeln verändern und uns klar darüber werden, wie wir alle voneinander abhängen und wie wir mit den Ökosystemen umgehen, die unsere Lebensgrundlage sind. Um eine gerechtere, friedlichere und nachhaltigere Welt zu erschaffen, brauchen wir alle mehr Wissen, Kompetenzen und verbindende Werte sowie ein stärkeres Bewusstsein für die Notwendigkeit einer solchen Veränderung. An dieser Stelle spielt Bildung eine entscheidende Rolle. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNW) ist der Weg zu einer besseren Zukunft für alle. – und dieser Weg beginnt hier und jetzt.“

    UNESCO Roadmap zur Umsetzung des Weltaktionsprogramms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2014), zitiert von Bildungscent e.V. im Online-Workshop.

    Zukunftskompetenzen entwickeln

    Silke Ramelow, Vorstandsvorsitzende von BildungsCent e.V., verweist auf den nationalen Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung, der 2017 von der Bundesregierung abgesegnet wurde. Dieser sieht vor, dass bis 2030 bei Nachhaltigkeitsthemen eine Jugendbeteiligung sichergestellt werden muss. Die UNESCO definiert als Ziel der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE): gemeinsam eine gerechtere und nachhaltigere Welt schaffen.

    Silke Ramelow spricht statt von „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ lieber von „transformativer Bildung“. Gemeint ist damit lebenslanges Lernen, nonformales Lernen und gemeinschaftliches Handeln. Entscheidend sei die Entwicklung der „21st century skills“, der sogenannten vier Zukunftskompetenzen („4cs“), die da sind:

    1. Kritisches Denken
    2. Kollaboration
    3. Kommunikation
    4. Kreativität

    Welche Bildungsangebote fördern diese Kompetenzen?

    Die Organisation BildungsCent hat verschiedene Formate ausprobiert, wie das Thema Nachhaltigkeit umgesetzt werden kann. Beispielsweise:

    • Klimadinner: Klimafreundliches gemeinsam Kochen und Essen
    • Klima-Screening: Filmabend (z.B. mit dem Film „Tomorrow„) mit anschließender Diskussion

    Außerdem entwickelte der Verein im Rahmen seines Programms foodture das Bildungsmaterial „Unser Essen und das Klima“. Das Kartenset rund um das Thema nachhaltige Ernährung kann kostenfrei als gedruckte Version bestellt oder online heruntergeladen werden. Die Karten enthalten Wissenswertes rund um das Thema Ernährung und Klimawandel sowie Ideen und Tipps für eigene Projekte. Das kann das Erstellen eines eigenen KlimaKochbuchs sein oder – etwas gewöhnungsbedürftiger – das Experiment, Kekse mit Insekten(mehl) zu backen.

    Silke Ramelow kommt am Ende auch auf Förderprogramme für BNE zu sprechen. Aktuell gebe es einige Auszeichnungen, aber kaum Fördermittel. Teilnehmer:innen des Workshops verweisen dann noch auf die Stiftung Engagement Global und die Bingo-Umweltstiftung, die Umweltbildungsprojekte unterstützt.

    Foodture Bildungscent
    Bildungsmaterial von BildungsCent e.V. „Unser Essen und Klima“

    NAJU Brandenburg

    Jugendliche wollen keinen Input, sondern selbst handeln

    Anne Kienappel von der NAJU Brandenburg berichtet von ihren Erfahrungen mit Bildungsangeboten zum Thema nachhaltige Entwicklung für Jugendliche. Die NAJU bietet für junge Menschen zwischen 14 und 27 zahlreiche Möglichkeiten, sich für Natur und Umwelt zu engagieren. Sie unterstützt mit Materialien und Beratung, Jugendliche und junge Erwachsene dabei, eigene Aktionsideen zu verwirklichen.

    Entwickelt wurden Aktionen und Projekte wie „Wilder Spreewald“, „Wilde Kräuter“ oder „24h Unverpackt“. Wichtigste Erkenntnis dabei: Die Jugendlichen wollen keinen Input, sie möchten selbst handeln. Vielleicht kann ganz am Ende des Projekts noch mal gemeinsam reflektiert werden. Für die Konzeption ihrer Angebote überlegt sich Anne Kienappel ganz genau, was so attraktiv ist, dass die Jugendlichen freiwillig kommen. Persönliche Kontakte über Sozialarbeiter oder die NAJU helfen ihr, immer wieder neue Teilnehmer:innen zu finden.

    Spreewaldwerkstatt NAJU Brandenburg
    Bildungsstätte der NAJU im Spreewald Foto: ©NAJU Brandenburg

    Junge Biosphäre Saarland

    Jugendliche sollen selbst Ideen entwickeln

    Auch Carmen John betreut Bildungsprojekte im außerschulischen Bereich. Als Projektleiterin bei der Jungen Biosphäre Saarland, unterstützt sie Jugendliche bei der Planung und Umsetzung ihrer Projekte. Seit 2020 ist die Junge Biosphäre in der Trägerschaft des Saarpfalz-Kreises im Bereich Jugendarbeit angesiedelt. Projektziel ist die Einbindung junger Menschen zwischen 15 und 21 Jahren in die Entwicklungsprozesse der Biosphärenregion. Die Jugendlichen sind eingeladen, die Biosphäre Bliesgau mitzugestalten und eigene Projekte rund um das Thema Nachhaltigkeit zu entwickeln und umzusetzen.

    Ganz wichtig ist Carmen John die Partizipation der Jugendlichen. Für ihre Jahresplanung hat sie die Jugendlichen zu einem Workshop eingeladen, um gemeinsam zu erarbeiten, welche Veranstaltungen durchgeführt werden sollen. Idealerweise entwickeln die Jugendlichen selbst Projektideen, die Projektleitung hilft nur bei der Organisation und der Finanzierung. Dabei sind Projekte entstanden, wie die Aktion „Restekochen“ in Kooperation mit einem Unverpackt-Laden.

    "Restekochen" bei der Jungen Biosphäre Saarland
    Kochkurs mit „geretteten Lebenmitteln“ der Jungen Biosphäre Saarland. Foto: ©Lennart Berwanger

    Jugendliche in ihrer Lebenswelt abholen

    Die Herausforderung, neue Teilnehmer:innen zu akquirieren, kennt Carmen John auch.  Hinzu kommt die extreme Unverbindlichkeit der jungen Menschen. Zu- oder Absagen bis einen Tag vor Veranstaltungsbeginn seien die Regel. Aber auch fünf Leute sind okay, findet Carmen John. „Wir brauchen nicht 30 Leute, die dasitzen und Zahlen generieren“.

    Sie hat auch die Erfahrung gemacht, dass sich junge Leute extrem mit dem Thema Ernährung beschäftigten. „Die freuen sich, hinter die Kulissen zu schauen.“ Das Einkaufsverhalten werde reflektiert und die neuen Produkte dann auch in die Familien getragen. Ihr Erfolgsrezept, um ihre Bildungsarbeit bekannter zu machen, war die enge Zusammenarbeit mit dem Bundesjugendring. Carmen John hat alle Jugendclubs persönlich abgeklappert, um die Jugendlichen „in ihrer Lebenswelt abzuholen“.

    Fazit

    Bildungsprojekte mit Kindern und Jugendlichen sind dann erfolgreich, wenn die Teilnehmer:innen selbst aktiv werden und gemeinsam handeln können. Ein Erfolgsbeispiel ist etwa die Bundesgemeinschaft Lernort Bauernhof. Silke Ramelow fasst am Ende des Workshops die Ergebnisse noch einmal zusammen:

    1. Vom Handeln ins Lernen kommen. Dinge tun und dabei lernen.
    2. Jeder, der kommt, ist super.
    3. Einfache Sachen sind oft die besten. Wir müssen nicht immer die Welt neu erfinden.

    Vor allem aber: Jugendliche wollen ernst genommen werden. Die Projekte müssen einen direkten Nutzen für sie haben. Und wir müssen ihnen das Gefühl geben, dass wir ihre Ideen wertschätzen.

    Titelbild: Elaine Casap

  • Kulturelle Bildung für alle?

    Kulturelle Bildung für alle?

    Wie Schulen mit Kulturorten zusammenarbeiten können, um möglichst viele Kinder für Kultur zu begeistern.

    Seit meiner Teilnahme am Hackathon „WirfürSchule“ in diesem Sommer lässt mich das Thema Bildung und Chancengerechtigkeit nicht mehr los. Sehr gespannt war ich daher auf das Webforum „Kulturelle Bildung und Schule – Potenziale für Bildungsgerechtigkeit“ des Rats für Kulturelle Bildung e. V.. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Das digitale Panel und die Break-Out-Sessions waren hochrangig mit praxiserfahrenen Expert:innen aus dem Bereich der kulturellen Bildung besetzt. Die Veranstaltung am 22. Oktober wurde moderiert von Bettina Münzberg und Prasanna Oommen und war sehr dicht an Informationen und Impulsen.

    Kulturelle Teilhabe ist Voraussetzung für Bildungsgerechtigkeit. Doch Schulen erreichen oft nur unzureichend diejenigen Kinder und Jugendlichen, die aufgrund ihrer Sozialisation und ihres sozioökonomischen Status nicht auf Kunst und Kultur zugreifen können.  Ob man ein Musikinstrument lernt, hängt hierzulande vom Engagement der Eltern ab. Doch warum ist kulturelle Bildung überhaupt wichtig? Bildung meint im Ergebnis einen Zustand, in dem der Mensch selbstverantwortlich fähig ist, sein Leben erfolgreich zu gestalten. Kulturelle Bildung unterstützt vor allem Kompetenzen wie Kreativität, kritisches Denken, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit.

    Kulturelle Bildung
    Ob man ein Musikinstrument lernt, hängt fast überall in Deutschland vom Engagement der Eltern ab. ©JeKits / Katja Velmans

    PROBLEM: Ungleiche kulturelle Teilhabe

    „Kaum etwas ist so ungleich verteilt wie der reale Zugang zu Kultureller Bildung“, sagt Aladin El-Mafaalani, Professor am Lehrstuhl für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück. In seinem Impulsvortrag ging er darauf ein, warum Kulturelle Bildung in Unterricht und Schule gestärkt werden muss.

    Zustand strukturellen Mangels

    El-Mafaalani, der vor kurzem das vielbeachtete Buch „Mythos Bildung“ veröffentlichte, vertritt die These, dass Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern in einem Zustand des strukturellen Mangels aufwachsen. Das heißt, dass eigentlich immer zu wenig von allem vorhanden ist: zu wenig Geld, zu wenig Freizeitmöglichkeiten, zu wenig Handlungsoptionen. Als Reaktion auf diese die strukturelle Knappheit werden die Kinder laut El-Mafaalani zu „Insolvenzverwaltern ihres Alltags“.

    Insolvenzverwalter des Alltags

    Die Potentiale der kulturellen Bildung, kognitive und körperliche Bereiche zusammenzubringen, seien enorm, fasst El Mafaalani zusammen. Aber es sei nicht einfach, die Handlungsmuster der „Insolvenzverwalter-Haltung“ zu durchbrechen. Diese Kinder seien aufgrund der sozialen Rahmenbedingungen fremdbestimmt, sie hätten keine Ressourcen für Dinge, die keinen unmittelbaren Zweck erfüllen. Aufgrund der knappen Ressourcen hätten es sich diese Kinder angewöhnt, kurzfristig denken und sich bei allem zu fragen: „Was bringt mir das?“.

    Fünf Fragen für die Konzeption von Bildungsangeboten

    El-Mafaalani formuliert fünf Fragen, die wir uns stellen sollten, bevor wir Bildungsangebote für diese Zielgruppe konzipieren:

    • Wo steht das Kind? Welche Fragen müssen wir stellen, um die Kinder abzuholen?
    • Wo steht man selbst?
    • Wer oder was könnte im Weg stehen?
    • Wo wollen wir hin? Was sind unsere Ziele?
    • Wie kommen wir dahin?
    Heike Kropf, Staatliche Museen zu Berlin
    Heike Kropff während des Webforums im Haus Bastian

    ANALYSE: Fehlende Diversität in Institutionen und im Curriculum

    Gläserne Decke im Bereich Kultur

    Heike Kropff, Leiterin Bildung und Kommunikation der Staatlichen Museen Berlin, ist sehr bewusst, „wer komplett fehlt“ an den Staatlichen Museen zu Berlin. Und damit meint sie nicht nur Besucher:innen. Heike Kropff spricht von einer „gläsernen Decke im Bereich Kultur“ und fordert, dass auch das Personal an Museen diverser werden müsse. Das Museum sei heute par excellence „ein Vorzeigeort für ungleiche Chancen“.

    Defizite in der Kommunikation

    Andreas Lehmann-Wermser, Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, räumt Defizite ein, in der Art und Weise, wie Kulturinstitutionen nach außen kommunizieren und Menschen ansprechen. Er nennt es „versteckten Rassismus“. Auch Schulen müssten sich öffnen und sich strukturell verändern. Weg von den „Eintagsfliegen“ (wie ein einmaliger Konzertbesuch) hin zur Qualität von langfristigen Bildungsangeboten (beispielsweise eine Bildhauer-AG oder ein Artist-in-Residence-Programm).

    Diverses Curriculum

    Eckart Liebau, Vorsitzender des Rates für Kulturelle Bildung, thematisierte, dass unser Bildungs-Curriculum zu homogen ist. Auch unsere Bildungsinhalte müssen diverser werden. Damit spricht er mir aus dem Herzen. Schon an der Uni begeisterte mich der Studiengang „Komparatistik“, der nicht nur einen einzigen Sprach- und Kulturraum, wie etwa die Germanistik untersucht, sondern Themen über verschiedene Sprach- und Kulturräume hinweg analysiert.

    LÖSUNG: „Dritter Ort“ / Kulturagenten / Musik und Tanz für alle

    Museumszelt auf dem Schulhof
    Die Wanderausstellung „Haltung zeigen!“ von lab.Bode zu Gast auf drei Berliner Schulhöfen © Staatliche Museen zu Berlin / Juliane Eirich
    Schulhöfe als Ausstellungs- und Aktionsort

    Das lab.Bode ist eine Initiative zur Stärkung der Vermittlungsarbeit in Museen. Es ist ein gemeinsames Programm der Kulturstiftung des Bundes und der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Lab-Mitarbeiter:innen erzählen im Webforum, wie sie mit Zelten auf Schulhöfe gereist sind und dort einen „Dritten Ort“ geschaffen haben. Laut Wikipedia umschreibt der Begriff „Dritter Ort“ in der Soziologie Orte der Gemeinschaft, die einen Ausgleich zu Familie und Schule bieten sollen. Er steht grundsätzlich allen Bevölkerungsschichten offen und soziale Unterschiede werden abgeschwächt.

    Ungleiche „Basics“ verhindern Bildungsgerechtigkeit

    Für einige Tage wurden die Schulhöfe also zum Ausstellungs- und Aktionsort. Dort haben die Museumsmitarbeiter:innen viel vom Innenleben der Schulen mitbekommen. Beispielsweise, wie verschieden allein schon die „Basics“ (Toiletten, Whiteboards, Internet…) an Schulen in der gleichen Stadt sind. Schon allein diese Unterschiede verhindern Bildungsgerechtigkeit. Die Projektmitarbeiterin Greta Hoheisel sieht Chancen vor allem in langfristigen Projekten, eigentlich hätten sie die Zelte für mindestens ein bis zwei Monate vor den Schulen aufschlagen sollen, resümiert sie.

    Kulturagenten

    Neu war für mich die Arbeit der Kulturagent:innen, die in mehreren Bundesländern Schulen mit Partner:innen aus Kunst und Kultur zusammenbringen. Annika Niemann, Kulturagentin in Berlin, stellte das Programm der Kulturagenten Berlin vor. Ihr Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen Neugier für künstlerische Aktivitäten zu wecken und mehr Kenntnisse über Kunst und Kultur zu vermitteln.

    Jedem Kind Instrumente, Singen, Tanzen

    Beeindruckend ist das größte Kulturelle Bildungsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen, welches das Land mit knapp 11 Mio. Euro jährlich fördert. Das zweijährige Programm JeKits unterstützt rund 1.000 Grundschulen bei der Kooperation mit außerschulischen Bildungspartnern wie z. B. Musikschulen oder Tanzinstitutionen. Es gibt drei alternative Schwerpunkte: Instrumente, Tanzen oder Singen. JeKits will möglichst vielen Kindern in Nordrhein-Westfalen den Zugang zu musikalischer bzw. tänzerischer Bildung eröffnen, unabhängig von ihren persönlichen und sozio-ökonomischen Voraussetzungen. 77.300 Kinder nehmen im Schuljahr 2020/21 an dem Programm teil.

    Jekits - Jedem Kind Instrumente Singen Tanzen
    Singen und Tanzen lieben fast alle Kinder. ©JeKits-Stiftung

    Fazit

    Die Einblicke und Diskussionen des Webforums fand ich sehr inspirierend. Kulturelle Bildung muss ein Schwerpunktthema sein, auch in der Schule, da waren sich alle Teilnehmer:innen des Panels einig. Die Expert:innen wünschen sich, dass das Personal an Museen diverser wird und wollen auch deswegen „für Berufe, die im Bereich Kultur liegen begeistern“. Gleichzeitig müssen sie zugeben, dass die Finanzierung oft schwierig ist.

    Das bringt mich zum Nachdenken. Wie soll es gelingen, Kinder und Jugendliche aus armen Verhältnissen für Berufe zu begeistern, bei denen ein sicheres Einkommen äußerst ungewiss ist? Denn genau das ist häufig der Fall im Kulturbereich: Es gibt wenig Stellen und oft sind diese befristet oder schlecht bezahlt. So dass dann im Notfall eben doch die Eltern einspringen müssen.

    Einige Ideen, die im Webforum „Kulturelle Bildung und Schule“ angesprochen wurden – wie der Dritte Ort – setze ich mit meiner eigenen Arbeit im Bildungsbereich bereits um. Bei der Konzeption des Lesefests 2021 in Preetz war es mir beispielsweise wichtig, einen öffentlichen Spielplatz als Veranstaltungsort zu wählen, um Literatur für möglichst viele Kinder und Familien zugänglich zu machen. Mit den Tipps von Aladin El-Mafaalani wird es mir hoffentlich gelingen, auch die „Insolvenzverwalter“ unter den Kindern mitzureißen.

    Und vielleicht gelingt es mir sogar, das Berufsbild des Kulturagenten in Schleswig-Holstein zu etablieren. Hier klafft bislang eine Lücke, die – möglichst diverse – Agentinnen und Agenten aus allen künstlerischen Bereichen schließen könnten, um Schule und Kultur zukünftig noch besser zusammenzubringen.

    Zur Aufzeichnung:

    Die Videoaufzeichnung der Veranstaltung wird in Kürze auf dem YouTube Kanal des Stiftungsverbunds Rat für Kulturelle Bildung zu sehen sein.

    Vom Veranstalter gibt es hier noch einen Rückblick auf das Webforum.

    Zum Weiterlesen:

    Mythos Bildung, El -Mafaalani

    Aladin El-Mafaalani, Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft, Kiepenheuer & Witsch 2020.

    Titelbild: Etienne Girardet

  • Warum wir mehr internationale Publishing Meet-ups brauchen

    Warum wir mehr internationale Publishing Meet-ups brauchen

    ENGLISH VERSION

    Wow, es hat tatsächlich funktioniert: der erste Pub ’n‘ Pub in San Francisco war ein voller Erfolg! Am 18. September 2014 versammelten sich gut 30 Büchermenschen zum Meet-up im Hinterzimmer von Adobe Books. Wie kam es dazu? Während meines 10-tägigen-Besuchs in San Francisco wollte ich Leute aus der lokalen Publishing- und Start-up Szene kennenlernen. Da ich bei meinen Recherchen im Vorfeld kein passendes Meet-up finden konnte, habe ich kurzerhand das von Blogger Leander Wattig gestartete Erfolgsformat Pub ’n‘ Pub, das es bereits in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden gibt, in die USA gebracht. Wie es zu dieser spontanen Idee kam, habe ich hier ja schon mal ausführlich erzählt.

    An Editor walks into a bar

    Pub'n'Pub: Publishing Meet-up mit Pub

    Das Prinzip Pub ’n’ Pub (The Publishers Pub Meet-up) ist schnell erklärt: Bei einem Feierabendbier treffen sich Leute aus der Buchbranche und sprechen über Trends und Themen im Publishing. Ziel ist es, Publishing-Leute vor Ort stärker zu vernetzen. In San Francisco ist das Konzept vergangene Woche erfolgreich aufgegangen: Verleger, Autoren, Lektoren, Illustratoren und Marketingmenschen waren aus San Francisco und der Bay Area in die 24th Street gekommen, um zu netzwerken und sich auszutauschen. Die Keynote des Abends “An Editor Walks into a Bar: Understanding the building blocks of humor, and why we should take humor seriously” von Melissa Manlove, Lektorin bei Chronicle Books, war amüsant und lehrreich.

    Die Stühle waren schnell besetzt, sodass wir am Ende auch die Sessel aus dem Laden in den Vortragsraum geschoben haben. Wie die Schnappschüsse zeigen, war der Ort charmant und die Stimmung großartig. Aus Gründen (siehe hier) begann der Abend zwar in einer Buchhandlung, endete aber dann aber doch, wie der Name es eigentlich verlangt, in einem Pub…

    Austausch über den Atlantik hinweg

    Pubnpub Adobe Books
    Kinderbuch-Experten im Gespräch: Melissa Manlove und ich

    Von den amerikanischen Kollegen konnte ich bei diesem Zusammentreffen sehr viel mitnehmen und mit einigen werde ich sicherlich weiterhin in Kontakt bleiben. Auch bei den Amerikanern kam der Abend prima an. In der Kinderbuchszene gibt es in San Francisco bereits einen regen Austausch, erfahre ich, doch eine spartenübergreifende Vernetzung oder Meet-ups gibt es so noch nicht. Genau dies wurde an dieser Veranstaltung sehr gelobt. Viele, die ich im Vorfeld kontaktiert hatte, konnten zwar aufgrund der knappen Vorankündigung nicht an dem Meet-up teilnehmen, bekundeten jedoch großes Interesse an weiteren Veranstaltungen.

    Auch in Deutschland fand das Treffen viele Fans. Das Team von Oetinger34, das eine Software entwickelt, mit der Kreative kollaborativ zusammenarbeiten können, stellte an die Referentin via Facebook Fragen zum Thema Digital Publishing. Es war äußert spannend zu erfahren, dass Chronicle Books , wie Melissa ausführte, sich  bereits nach einer kurzen Experimentierphase weitestgehend aus dem kostspieligen App- und dem für illustrierte Bücher wenig attraktivem E-Book-Geschäft verabschiedet hat und bei der Produktentwicklung wieder die Materialität und Optik des gedruckten Buchs in den Vordergrund stellt.

    Vernetzung im echten Leben und digital

    Adobe Books
    Pub ’n‘ Pub = Netzwerken, das Spaß macht

    Der Reiz der Meet-ups ist natürlich zuallererst das Treffen von echten Menschen im realen Leben. Doch die Vernetzung findet genauso im Digitalen statt. Veranstaltungen auf Facebook und der Hashtag #pubnpub auf Twitter verbinden die Teilnehmer über Städte und Grenzen hinweg. Ohne die sozialen Netzwerke hätte ich niemals innerhalb weniger Tagen ein erfolgreiches Meet-up auf einem anderen Kontinent auf die Beine stellen können. Im Anschluss ist auf Facebook von Karin Hartmeyer die Idee für ein übergreifendes Pub’n’Pub-Treffen auf der Frankfurter Buchmesse entwickelt worden. Doch zur wichtigsten internationalen Buchmesse können nur sehr wenige Buchmenschen aus Amerika anreisen, wie ich bei meinen Gesprächen in San Francisco erfahre.

    Die Zukunft der Branche ist international

    Pub 'n' Pub San Francisco
    American Publishing people

    In Deutschland gibt es bereits sehr viele Formate, die den Branchenaustausch vor allem im Bereich Digital Publishing fördern. Das sind, um nur einige zu nennen, die Veranstaltungen des Arbeitskreis für elektronisches Publizieren (AKEP), die Projekte des Forum Zukunft, das eBookCamp oder die erste Electric Book Fair Deutschlands. Doch all diese Formate richten sich an das deutschsprachige Publikum, internationale Vernetzungsinitiativen fehlen bislang . Wir diskutieren immer in einer nationalen Bubble. Der Buchmarkt ist traditionell an Sprachgrenzen gebunden, die bislang nur Foreign Rights und International Sales Manager überschreiten. Doch wenn wir die Zukunft der Bücher gestalten und sie nicht Tech-Start-ups und E-Commerce-Unternehmen überlassen wollen, müssen wir uns international vernetzen. Wir brauchen internationale Lösungen und Branchenstandards.

    Wir haben die Tools, warum nutzen wir sie nicht?

    New ArrivalsDer erste Pub ’n‘ Pub in San Francisco war in dieser Hinsicht ein großartiges Erlebnis, denn er hat mir gezeigt, wie leicht es heute ist, sich über Ländergrenzen hinweg zu vernetzen. Wir haben die Tools, warum nutzen wir sie nicht? Die von Leander Wattig initiierte Stammtischreihe hat das Potential, diese internationale Vernetzung voranzutreiben. Die Keynotes der Pub ’n’ Pub-Veranstaltungen, die ich bislang besucht habe, waren von solcher Qualität, dass ich mich wundere, wieso sie nicht längst per Video übertragen werden, um ein größeres Publikum zu erreichen. In Verbindung mit Facebook und Twitter ist der internationale Publishing-Austausch nur noch einen Tweet entfernt. Mit dem Meet-up in San Francisco und dem Pop up  auf der Frankfurter Buchmesse kommt vielleicht der Stein ins Rollen …

    Fotos: Torben Förster

  • Publishing Roadtrip: Besuch beim Start-up Udemy und bei Google im Silicon Valley

    Publishing Roadtrip: Besuch beim Start-up Udemy und bei Google im Silicon Valley

    In meinem ersten Blogpost über meinen Roadtrip nach San Francisco hatte ich geschrieben, dass ich gern Start-ups im Silicon Valley kennenlernen würde. Jan Belke hat mich dann einfach angemailt und eingeladen, in San Francisco bei Udemy vorbeizukommen. Udemy ist ein Online-Marketplace für Video-Tutorials und Online-Learning mit rund 20.000 Onlinekursen und gut 4 Millionen Nutzern. In seinen Finanzierungsrunden konnte das Start-up bislang knapp 50 Millionen Dollar einsammeln. Dadurch ist die Zahl der Mitarbeiter innerhalb weniger Monate sprunghaft von etwa 40 auf gut 100 Mitarbeiter angewachsen und das Unternehmen in neue größere Räume gezogen. Hier arbeiten alle, auch die CEOs, in einem Großraumbüro zusammen. In der Kantine gibt es kostenloses Essen und Getränke. Beides ist hier Standard, zumindest bei Tech-Unternehmen.

    Jan Belke und Charlotte Reimann bei Udemy
    Jan und ich bei Udemy

    Udemy: A mission to learn anything online

    Auf der Dachterrasse mit großartigem Blick über die Skyline San Franciscos erzählt mir Jan von seinem Job. Als Marketing Manager ist er bei Udemy zuständig für die Content-Akquise. Er sucht Dozenten, Verlage und Blogger, die Udemy als Plattform für die Vermarktung ihrer Inhalte nutzen wollen. Von den Nutzern am meisten nachgefragt werden vor allem Tutorials zu technischen Themen und beruflicher Weiterbildung. Auch klassische Verlage wie Wiley nutzen Udemy bereits als zusätzlichen Vertriebskanal. Das Geschäftsmodell ist simpel: Vermarkten Publisher und Dozenten ihre Inhalte selbst, bekommen sie 100% der Erlöse (Udemy profitiert trotzdem von der Neukundenakquise), ansonsten behält Udemy einen Teil der Kurskosten ein.

    Wie Jan berichtet, ist es nicht ganz einfach, ein Arbeitsvisum für die USA zu bekommen, da pro Jahr nur eine begrenzte Zahl an Visa ausgeben werden und nicht jeder wie er das Glück haben kann, eine Green Card zu gewinnen. Das ist tatsächlich ein großes Problem für Tech-Start-ups in San Francisco, da viele Entwickler aus dem Ausland kommen. Bei uns in Berlin profitiert die Start-up-Szene hingegen von der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU. Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage in anderen europäischen Ländern zieht es viele Entwickler aus diesen Ländern nach Berlin. Auch dadurch sind die Löhne in Berlin deutlich niedriger als im Silicon Valley.

    Mountain View
    Mountain View

    Silicon Valley: Google doesn’t give any information

    Durch die zunehmende Gentrifizierung (wie ich erfahre, gibt es in San Francisco fast keine Middle Class mehr, nur Reiche oder sehr Arme) gab es zuletzt heftige Proteste gegen den Google-Bus-Shuttle, der Google-Mitarbeiter von San Francisco ins Valley bringt. Vielleicht war dies der Grund, warum uns Google bei unserem spontanen Ausflug zum Google-Hauptquartier in Mountain View einen recht ungastlichen Empfang bereitete. „We don’t give any information“, wiederholt der Security-Mensch, der uns zügig vom Google-Firmengelände geleitete.
    No information? But you’re Google!

    Aus dem erfolglosen Kilometermarsch durch den amerikanischen Vorort ist zumindest ein nützlicher Guide für den Silicon-Valley-Besuch hervorgegangen.

    5 Tipps für einen erfolgreichen Ausflug ins Valley

    • Fahr mit dem Auto.
    • Wenn du kein Auto hast, fahr mit dem Zug fahr trotzdem mit dem Auto.
    • Du hast kein Auto, willst aber trotzdem ins Valley? Recherchiere in jedem Fall vorher, wie oft die Regionalbahn fährt, um den Anschluss zu bekommen. Nimm Lesestoff mit (für den Zug), bequeme Schuhe (für die Kilometer vom Bahnhof zum Unternehmen) und ausreichend Trinkwasser (es ist heiß im Valley!).
    • Headquarter = Stadtteil. Erkundige dich, wo genau dein Bekannter dich abholen will, denn ohne Mitarbeiter-Begleitung kommst du nicht rein. Mach eine feste Uhrzeit aus!
    • Es gibt Bücher, die dir diese Strapazen ersparen können. Zum Beispiel dieses hier.

    Have fun!
    Love from San Francisco
    Charlotte

    Mehr über meine Reise nach San Francisco:
    > Publishing Roadtrip – Pub für #pubnpub in San Francisco gesucht! (1)
    > Publishing Roadtrip – Die Formel für Innovation (2)

  • Publishing Roadtrip – Die Formel für Innovation

    Publishing Roadtrip – Die Formel für Innovation

    Mein erster Morgen in den USA beginnt mit einem Blaubeermuffin und amerikanischem Filterkaffee. Hier ist es 9 Uhr morgens, auf meiner inneren Uhr allerdings schon 18 Uhr abends. Ich sitze im San Francisco Office von Adobe und höre Karl Isaac, Director für Brand Strategy, und seinen beiden Kollegen zu, die uns erklären, wie Innovation in ihrem Unternehmen funktioniert. Eine Frage, die auch mich hierhergeführt hat, denn wenn überhaupt, dann ist wohl das Silicon Valley der Ort, wo man Innovation herleiten kann.

    Adobe
    Formel für Innovation: V = Velocity, R = Risk, [x‘…x²] = Typische Unabwägbarkeiten
     

    Vermutlich hängt das mit den vielen Start-ups zusammen, die hier gegründet werden. In einem Start-up hat Innovation die besten Voraussetzungen, denn hier wird alles auf eine Karte gesetzt. In einem großen Unternehmen wie Adobe gibt es hingegen viel zu viele gegensätzliche Interessen als dass sich neue und unkonventionelle Ideen durchsetzen ließen. Ein Problem, mit dem auch die meisten alteingesessenen Buchverlage zu kämpfen haben, denke ich. Adobe hat „Disruptive Innovation Groups“ innerhalb des Unternehmens eingerichtet, um kreative Ansätze ungestört verfolgen können. Herausgekommen ist dabei zum Beispiel die erste Hardware von Adobe, Ink & Slide. Und eine Formel für Innovation.

    Chronicle Books

    So kompliziert ist das also gar nicht. Inspiriert mache ich mich auf den Weg zur Microsoft-Tochter Yammer und komme unversehens am Verlagshaus von Chronicle Books vorbei, dem größten Publikumsverlag in San Francisco. Leider ist Melissa Manlove, die beim Pub’n’Pub die Keynote halten wird, nicht da. Stattdessen schaue ich mich im verlagseigenen Bookshop um und entdecke zahlreiche tolle Bücher, die ich sofort für einen deutschen Verlag akquirieren würde, wäre ich noch als Lektor oder Agent tätig. Zum Beispiel The Startup Playbook, Summertime oder The Essential Guide for Building Your Career as an Artist.
    Bei Microsoft werden wir mit einem Mittagsbuffet empfangen. Ich schnappe mir eine Limo aus dem Kühlschrank, sinke auf ein blaues Plüschsofa und surfe im Netz. Endlich WiFi! Nebenan steht der obligatorische Kicker, rundherum sind Großraumbüros, bunte Wände und eine Pinnwand mit vielen handgeschriebenen Zetteln, die erzählen, wieso ein Kollege so besonders oder eine Kollegin beeindruckend ist. Eine schöne Idee für positive Energie.

    Schroeders

    Letzte Station an diesem Tag ist Rocket Space, Inkubator und Co-Working-Space für Tech-Start-ups. Beim Eventmanager frage ich nach, ob sie nicht einen freien Raum für uns haben. Doch anders als in Berlin geht hier nichts ohne eine stattliche Raummiete (bei der dann allerdings auch professionelles Equipment und Mitarbeiter inbegriffen sind). Da wir beim Pub ’n‘ Pub kein Budget haben, kehre ich auf dem Heimweg noch ins Pub um die Ecke ein. Das Schroeders wurde mir gleich von zwei Leuten empfohlen. Enttäuscht stelle ich jedoch fest, dass es viel zu laut für einen Vortrag ist. Ein bisschen Sorgen mache mir jetzt doch. Was, wenn es mir nicht gelingen sollte, rechtzeitig einen Raum für Donnerstag zu finden? Das hatte ich mir aus Berlin etwas einfacher vorgestellt. Doch in San Francisco sind nicht nur die Mieten enorm, auch Nebenzimmer in Kneipen und Co-Working-Spaces sind nicht für umsonst zu haben.

    Adobe Books
    … hat übrigens nichts mit der gleichnamigen Softwarefirma zu tun.

    Die Idee für das Publishing Meet-up in San Francisco wurde ja sehr spontan in der deutschen Start-up-Metropole geboren. Ohne Internet und soziale Netzwerke wäre es nicht möglich gewesen, sie so kurzfristig und über diese Entfernung hinweg zu verwirklichen. Was mich von Anfang an besonders beeindruckt und fasziniert hat, ist das Potenzial und die Hilfsbereitschaft der Community. Nach meinem ersten Blogartikel und Leanders Post wurden wir überrollt von Tipps zu Kneipen, Pubs und Namen von Bekannten, die in San Francisco leben oder jemanden kennen, der dort lebt oder gelebt hat. Dank dieser großartigen Tipps könnte ich heute aus dem Stegreif einen Kneipenführer für San Francisco schreiben. Auch wenn es am Ende dann doch kein Pub geworden ist.

    Der Tipp kam von Jutta Maier, einer in San Francisco lebenden deutschen Journalistin, die mir empfahl, doch mal bei Adobe Books nachzufragen. Am Samstag ging ich bei dem kleinen Buchladen in der 24th Street vorbei und stieß bei der sympathischen Buchhändlerin Jennifer gleich auf offene Ohren. Die Räume mit den liebevoll ausgesuchten Secondhand-Büchern und den kuschligen Sesseln passen perfekt zum lockeren Rahmen des Meet-ups. Bier und Wein könne man auch anbieten, sagt Jennifer. Per Mail kommt dann einige Stunden später die Zusage. Hurra, wir haben einen Ort für den ersten amerikanischen Pub‘n‘Pub!

    Danke Elisabeth Alexander, Nadine Bakaus, Eva Bali, Alfred Berger, Katja Böhne, Anna Bodmer, Charly von Feyerabend, Tina Folsom, Daniela Gotta, Silke Hartmann, Karin Hartmeyer, Hannah Johnson, Frank Krings, Jeanine Krock, Johanna Lehmann, Ina Lutterbüse, Jutta Maier, Elisabeth Mardorf, Clint Marsh, Dorothea Martin, Elisabeth Oberndorfer, Nicky Pyne, Elina Razdobarina, Philipp Rusch, Daniel Schumann, Marie Schweiz, Daniel Seebacher, Guido Stemme, Leander Wattig, Susanne Wiegand.

    Mehr über meine Reise nach San Francisco:
    > Publishing Roadtrip – Pub für #pubnpub in San Francisco gesucht! (1)
    > Publishing Roadtrip: Besuch beim Start-up Udemy und bei Google im Silicon Valley (3)

  • Publishing Roadtrip – Pub für #pubnpub in San Francisco gesucht!

    Publishing Roadtrip – Pub für #pubnpub in San Francisco gesucht!

    Schon morgen, am 11. September 2014, geht mein Flieger nach San Francisco. Für mich ist es die erste Reise in die USA und ich freue mich sehr auf diese Stadt in der Bay Area, von deren Schönheit und Charme mir bereits viele vorgeschwärmt haben. Besonders gespannt bin ich auf das Silicon Valley, wo es von Start-ups nur so wimmelt und die Welt des Publishing, so scheint es mir, jeden Tag neu erfunden wird.
    Obwohl ich natürlich in San Francisco Urlaub machen, Cable Car fahren, über die Golden Gate Bridge radeln und den schönsten Strand von San Francisco entdecken will, möchte ich diese zehn Tagen auch nutzen, um Menschen aus der Publishing-Szene vor Ort kennenzulernen. Meine Recherchen im Netz nach Publishing Meet-ups in San Francisco blieben jedoch erfolglos. Doch als ich vergangene Woche beim Treffen des Berliner E-Book-Networks den anwesenden Verlegern, Autoren und Bloggern von meinen Plänen erzählte und hinzufügte, dass ich während meines San-Francisco-Aufenthalts gern die vibrierende Start-up- und Publishing-Szene im Silicon Valley kennenlernen würde, wurde folgender Plan geboren:

    Pub ’n‘ Pub goes San Francisco.

    Nachdem es den von Leander initiierten, sehr erfolgreichen Publisher-Stammtisch Pub ’n‘ Pub (#pubnpub) mittlerweile in Deutschland, Österreich, der Schweiz und mit Amsterdam seit kurzem auch in den Niederlanden gibt, ist die Zeit reif für den Sprung in die USA. Kurz erklärt: Beim Pub’n’Pub treffen sich Leute aus allen Bereichen des Büchermachens und sprechen bei einem Feierabendbier über Themen und Trends im Publishing. Ziel ist es, die Leute vor Ort noch stärker zu vernetzen. Also genau das, was ich in San Francisco machen möchte. Mich hat die Idee gepackt und ich schreibe wirklich alle an, die auch nur auf entfernteste Weise mit San Francisco in Verbindung stehen könnten, und bitte sie um Hilfe. Nur fünf Tage nach besagtem Berliner Netzwerkabend (danke Dorothea, Elisabeth, Leander, Susanne!) ist eine renommierte Referentin aus San Francisco für den ersten Pub ’n’ Pub in den USA gefunden.

    Melissa Manlove, Lektorin bei Chronicle Children’s Books, einem der größten und wichtigsten Verlage aus San Francisco, erklärte sich auf meine Anfrage hin spontan und sehr herzlich bereit, beim Pub ’n’ Pub am Donnerstag, 18. September 2014, um 19 Uhr die Keynote zu halten. Sie trägt den Titel:

    “An Editor Walks into a Bar: Understanding the building blocks of humor, and why we should take humor seriously”.

    Damit der erste Pub ’n’ Pub in San Francisco nun jedoch tatsächlich kommende Woche stattfinden kann, benötigen wir Eure Hilfe! Wir suchen in San Francisco einen Ort Pub/Bistro/Restaurant, wo es bodenständig-gemütlich ist und wo es für uns einen kostenlosen Raum/Platz mit solcher Akustik gibt, dass mindestens 25 Leute in großer Runde diskutieren können.

    Bitte teilt diesen Beitrag  oder leitet ihn direkt an Freunde, Bekannte und Verwandte in San Francisco weiter! Wenn Ihr eine Idee für einen Ort habt, schreibt euren Tipp bitte direkt in die Kommentare oder per Mail an mail[at]charlotte-reimann.de
    Was habt Ihr davon? Neben unzähligen Karma-Punkten werde ich Euch während meines Roadtrips aus der spannenden Publishing- und Startup-Szene der Bay Area berichten und Euch an meinen Erfahrungen teilhaben lassen.

    Ich halte Euch auf dem Laufenden.
    Bis bald aus San Francisco!
    Thanks
    Charlotte

    PS: Ihr könnt Euch auf Facebook bereits für den ersten Pub ’n‘ Pub in San Francisco anmelden – bitte weitersagen!

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