Außenansicht Museum
Kommentare 0

Kulturelle Bildung für alle?

Wie Schulen mit Kulturorten zusammenarbeiten können, um möglichst viele Kinder für Kultur zu begeistern.

Seit meiner Teilnahme am Hackathon „WirfürSchule“ in diesem Sommer lässt mich das Thema Bildung und Chancengerechtigkeit nicht mehr los. Sehr gespannt war ich daher auf das Webforum „Kulturelle Bildung und Schule – Potenziale für Bildungsgerechtigkeit“ des Rats für Kulturelle Bildung e. V.. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Das digitale Panel und die Break-Out-Sessions waren hochrangig mit praxiserfahrenen Expert:innen aus dem Bereich der kulturellen Bildung besetzt. Die Veranstaltung am 22. Oktober wurde moderiert von Bettina Münzberg und Prasanna Oommen und war sehr dicht an Informationen und Impulsen.

Kulturelle Teilhabe ist Voraussetzung für Bildungsgerechtigkeit. Doch Schulen erreichen oft nur unzureichend diejenigen Kinder und Jugendlichen, die aufgrund ihrer Sozialisation und ihres sozioökonomischen Status nicht auf Kunst und Kultur zugreifen können.  Ob man ein Musikinstrument lernt, hängt hierzulande vom Engagement der Eltern ab. Doch warum ist kulturelle Bildung überhaupt wichtig? Bildung meint im Ergebnis einen Zustand, in dem der Mensch selbstverantwortlich fähig ist, sein Leben erfolgreich zu gestalten. Kulturelle Bildung unterstützt vor allem Kompetenzen wie Kreativität, kritisches Denken, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit.

Kulturelle Bildung
Ob man ein Musikinstrument lernt, hängt fast überall in Deutschland vom Engagement der Eltern ab. ©JeKits / Katja Velmans

PROBLEM: Ungleiche kulturelle Teilhabe

„Kaum etwas ist so ungleich verteilt wie der reale Zugang zu Kultureller Bildung“, sagt Aladin El-Mafaalani, Professor am Lehrstuhl für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück. In seinem Impulsvortrag ging er darauf ein, warum Kulturelle Bildung in Unterricht und Schule gestärkt werden muss.

Zustand strukturellen Mangels

El-Mafaalani, der vor kurzem das vielbeachtete Buch „Mythos Bildung“ veröffentlichte, vertritt die These, dass Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern in einem Zustand des strukturellen Mangels aufwachsen. Das heißt, dass eigentlich immer zu wenig von allem vorhanden ist: zu wenig Geld, zu wenig Freizeitmöglichkeiten, zu wenig Handlungsoptionen. Als Reaktion auf diese die strukturelle Knappheit werden die Kinder laut El-Mafaalani zu „Insolvenzverwaltern ihres Alltags“.

Insolvenzverwalter des Alltags

Die Potentiale der kulturellen Bildung, kognitive und körperliche Bereiche zusammenzubringen, seien enorm, fasst El Mafaalani zusammen. Aber es sei nicht einfach, die Handlungsmuster der „Insolvenzverwalter-Haltung“ zu durchbrechen. Diese Kinder seien aufgrund der sozialen Rahmenbedingungen fremdbestimmt, sie hätten keine Ressourcen für Dinge, die keinen unmittelbaren Zweck erfüllen. Aufgrund der knappen Ressourcen hätten es sich diese Kinder angewöhnt, kurzfristig denken und sich bei allem zu fragen: „Was bringt mir das?“.

Fünf Fragen für die Konzeption von Bildungsangeboten

El-Mafaalani formuliert fünf Fragen, die wir uns stellen sollten, bevor wir Bildungsangebote für diese Zielgruppe konzipieren:

  • Wo steht das Kind? Welche Fragen müssen wir stellen, um die Kinder abzuholen?
  • Wo steht man selbst?
  • Wer oder was könnte im Weg stehen?
  • Wo wollen wir hin? Was sind unsere Ziele?
  • Wie kommen wir dahin?
Heike Kropf, Staatliche Museen zu Berlin
Heike Kropff während des Webforums im Haus Bastian

ANALYSE: Fehlende Diversität in Institutionen und im Curriculum

Gläserne Decke im Bereich Kultur

Heike Kropff, Leiterin Bildung und Kommunikation der Staatlichen Museen Berlin, ist sehr bewusst, „wer komplett fehlt“ an den Staatlichen Museen zu Berlin. Und damit meint sie nicht nur Besucher:innen. Heike Kropff spricht von einer „gläsernen Decke im Bereich Kultur“ und fordert, dass auch das Personal an Museen diverser werden müsse. Das Museum sei heute par excellence „ein Vorzeigeort für ungleiche Chancen“.

Defizite in der Kommunikation

Andreas Lehmann-Wermser, Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, räumt Defizite ein, in der Art und Weise, wie Kulturinstitutionen nach außen kommunizieren und Menschen ansprechen. Er nennt es „versteckten Rassismus“. Auch Schulen müssten sich öffnen und sich strukturell verändern. Weg von den „Eintagsfliegen“ (wie ein einmaliger Konzertbesuch) hin zur Qualität von langfristigen Bildungsangeboten (beispielsweise eine Bildhauer-AG oder ein Artist-in-Residence-Programm).

Diverses Curriculum

Eckart Liebau, Vorsitzender des Rates für Kulturelle Bildung, thematisierte, dass unser Bildungs-Curriculum zu homogen ist. Auch unsere Bildungsinhalte müssen diverser werden. Damit spricht er mir aus dem Herzen. Schon an der Uni begeisterte mich der Studiengang „Komparatistik“, der nicht nur einen einzigen Sprach- und Kulturraum, wie etwa die Germanistik untersucht, sondern Themen über verschiedene Sprach- und Kulturräume hinweg analysiert.

LÖSUNG: „Dritter Ort“ / Kulturagenten / Musik und Tanz für alle

Museumszelt auf dem Schulhof
Die Wanderausstellung „Haltung zeigen!“ von lab.Bode zu Gast auf drei Berliner Schulhöfen © Staatliche Museen zu Berlin / Juliane Eirich
Schulhöfe als Ausstellungs- und Aktionsort

Das lab.Bode ist eine Initiative zur Stärkung der Vermittlungsarbeit in Museen. Es ist ein gemeinsames Programm der Kulturstiftung des Bundes und der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Lab-Mitarbeiter:innen erzählen im Webforum, wie sie mit Zelten auf Schulhöfe gereist sind und dort einen „Dritten Ort“ geschaffen haben. Laut Wikipedia umschreibt der Begriff „Dritter Ort“ in der Soziologie Orte der Gemeinschaft, die einen Ausgleich zu Familie und Schule bieten sollen. Er steht grundsätzlich allen Bevölkerungsschichten offen und soziale Unterschiede werden abgeschwächt.

Ungleiche „Basics“ verhindern Bildungsgerechtigkeit

Für einige Tage wurden die Schulhöfe also zum Ausstellungs- und Aktionsort. Dort haben die Museumsmitarbeiter:innen viel vom Innenleben der Schulen mitbekommen. Beispielsweise, wie verschieden allein schon die „Basics“ (Toiletten, Whiteboards, Internet…) an Schulen in der gleichen Stadt sind. Schon allein diese Unterschiede verhindern Bildungsgerechtigkeit. Die Projektmitarbeiterin Greta Hoheisel sieht Chancen vor allem in langfristigen Projekten, eigentlich hätten sie die Zelte für mindestens ein bis zwei Monate vor den Schulen aufschlagen sollen, resümiert sie.

Kulturagenten

Neu war für mich die Arbeit der Kulturagent:innen, die in mehreren Bundesländern Schulen mit Partner:innen aus Kunst und Kultur zusammenbringen. Annika Niemann, Kulturagentin in Berlin, stellte das Programm der Kulturagenten Berlin vor. Ihr Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen Neugier für künstlerische Aktivitäten zu wecken und mehr Kenntnisse über Kunst und Kultur zu vermitteln.

Jedem Kind Instrumente, Singen, Tanzen

Beeindruckend ist das größte Kulturelle Bildungsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen, welches das Land mit knapp 11 Mio. Euro jährlich fördert. Das zweijährige Programm JeKits unterstützt rund 1.000 Grundschulen bei der Kooperation mit außerschulischen Bildungspartnern wie z. B. Musikschulen oder Tanzinstitutionen. Es gibt drei alternative Schwerpunkte: Instrumente, Tanzen oder Singen. JeKits will möglichst vielen Kindern in Nordrhein-Westfalen den Zugang zu musikalischer bzw. tänzerischer Bildung eröffnen, unabhängig von ihren persönlichen und sozio-ökonomischen Voraussetzungen. 77.300 Kinder nehmen im Schuljahr 2020/21 an dem Programm teil.

Jekits - Jedem Kind Instrumente Singen Tanzen
Singen und Tanzen lieben fast alle Kinder. ©JeKits-Stiftung

Fazit

Die Einblicke und Diskussionen des Webforums fand ich sehr inspirierend. Kulturelle Bildung muss ein Schwerpunktthema sein, auch in der Schule, da waren sich alle Teilnehmer:innen des Panels einig. Die Expert:innen wünschen sich, dass das Personal an Museen diverser wird und wollen auch deswegen „für Berufe, die im Bereich Kultur liegen begeistern“. Gleichzeitig müssen sie zugeben, dass die Finanzierung oft schwierig ist.

Das bringt mich zum Nachdenken. Wie soll es gelingen, Kinder und Jugendliche aus armen Verhältnissen für Berufe zu begeistern, bei denen ein sicheres Einkommen äußerst ungewiss ist? Denn genau das ist häufig der Fall im Kulturbereich: Es gibt wenig Stellen und oft sind diese befristet oder schlecht bezahlt. So dass dann im Notfall eben doch die Eltern einspringen müssen.

Einige Ideen, die im Webforum „Kulturelle Bildung und Schule“ angesprochen wurden – wie der Dritte Ort – setze ich mit meiner eigenen Arbeit im Bildungsbereich bereits um. Bei der Konzeption des Lesefests 2021 in Preetz war es mir beispielsweise wichtig, einen öffentlichen Spielplatz als Veranstaltungsort zu wählen, um Literatur für möglichst viele Kinder und Familien zugänglich zu machen. Mit den Tipps von Aladin El-Mafaalani wird es mir hoffentlich gelingen, auch die „Insolvenzverwalter“ unter den Kindern mitzureißen.

Und vielleicht gelingt es mir sogar, das Berufsbild des Kulturagenten in Schleswig-Holstein zu etablieren. Hier klafft bislang eine Lücke, die – möglichst diverse – Agentinnen und Agenten aus allen künstlerischen Bereichen schließen könnten, um Schule und Kultur zukünftig noch besser zusammenzubringen.

Zur Aufzeichnung:

Die Videoaufzeichnung der Veranstaltung wird in Kürze auf dem YouTube Kanal des Stiftungsverbunds Rat für Kulturelle Bildung zu sehen sein.

Vom Veranstalter gibt es hier noch einen Rückblick auf das Webforum.

Zum Weiterlesen:

Mythos Bildung, El -Mafaalani

Aladin El-Mafaalani, Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft, Kiepenheuer & Witsch 2020.

Titelbild: Etienne Girardet

Schreibe eine Antwort