Digitale Serie „Coffeeshop“ – ist die Zukunft des Buches multimedial?

Nicht nur ein Roman, sondern eine ganze App: Kolumne, Rezepte, Game & mehr

Coffeeshop heißt die neue „Lifestyle-Serie“, die das Herz eines jeden digitalaffinen Produktmanagers höherschlagen lässt. Es handelt sich um ein interaktives Medienformat, das Buch, Hörbuch, Soap und Animation verbindet und diese virtuelle Welt mit der des Lesers verknüpft. Wer will, kann über Facebook verfolgen, was die Serienfiguren gerade posten. Der Trailer macht nicht nur Fans von Sex and the City, Friends und How I met your Mother neugierig.

Mikrokosmos unserer Sehnsüchte

Im Zentrum des Geschehens stehen vier junge Singles Ende Zwanzig. Sandra hat einen ausgefallenen Job. Sie ist Sachensucherin. Die teils skurrilen Aufträge, die sie bekommt, variieren das bei Krimis beliebte Ermittlungsmotiv und bieten eine schier unerschöpfliche Quelle für neue Plots. Dann ist da noch der schwule Captain, dem der Coffeeshop gehört, Sandras bester Freund Nils und natürlich ihre beste Freundin Klaudi, die alles, wirklich alles via Facebook teilt. Sandras Eltern, die immer im falschen Moment auftauchen, sorgen einerseits für Unterhaltung, vermitteln aber auch das beruhigende Gefühl, dass die Familie immer für sie da ist.

Dieser Mikrokosmos befriedigt unsere Sehnsucht nach Freundschaft, Liebe und einer Clique, die unverbrüchlich hinter einem steht. Schauplatz der in den Text eingebetteten Videofiles ist vor allem der Coffeeshop. Obwohl Teil des Titels („Lifestyle-Serie aus Berlin“) taucht die Hauptstadt in den Videos nicht auf, die Geschichte könnte letztlich überall spielen.

Ein multimediales Buch für (fast) alle Sinne

Screenshot Coffeeshop

Immer wieder muss man Gegenstände aus dem Bild „räumen“, wie hier den Kaffeebecher.

Erzählt wird in Text, animierten Bildern, kurzen Filmen und gesprochenen Dialogen. Gefragt sind Augen, Ohren, auch die Hände des Lesers, mit denen sich kleine Gegenstände auf der Seite verschieben lassen, und selbst der Geschmackssinn wird stimuliert durch eingestreute Rezepte. Möglich macht das die App, die technisch noch etwas ausgereifter sein könnte. Es empfiehlt sich, den Download über Nacht zu starten, da er mehrere Stunden dauert.

Zumindest auf dem Nexus 7 ist der Text stellenweise abgeschnitten, sodass man ihn schlecht lesen kann. Auch auf dem iPad ruckelt es ein wenig und man braucht mehrere Klicks, um die Videos zu starten oder aus den Rezepten wieder zurück in den Fließtext zu kommen. Der Unterhaltungswert ist jedoch groß und die neue Leseerfahrung macht die noch etwas umständliche Handhabe wett. Bisher gibt es zwölf Episoden, die sich für Handys und Tablets (Android und iOS) oder als einfaches E-Book erwerben lassen. Entsprechend raffiniert sind die Cliffhanger am Ende jeder Folge.

Video- und Audiofiles: Geschichten in der Geschichte

Mit einem Klick startet man das Video.

Mit einem Klick startet man den Videofile.

Sehr professionell gemacht sind die in den Text eingestreuten Videofiles. Schnell merke ich, dass ich mich beim Lesen darauf am meisten freue. Hier kommt man den Protagonisten am nächsten. Gut gefallen mir auch die teils philosophischen, teil abstrusen Dialoge zwischen Vater und Tochter über die Liebe, das Leben & Facebook. Wie in den Video- wird auch in den Audiofiles eine Geschichte in der Geschichte erzählt. Sie doppeln nicht das im Fließtext erzählte Geschehen, sondern fügen ihm einen parallelen Handlungsstrang oder weiteren Aspekt hinzu. Coffeeshop vereint nicht nur zahlreiche Medienformen, sondern reflektiert sie am Ende augenzwinkernd. Sandra versucht ihrem Vater zu verdeutlichen, was eine App alles sein kann: „Es gibt sogar eine App, da spielen die Figuren aus einem Roman Szenen, die es im Roman gar nicht gibt.“ Die kuriose wie unterhaltsame Schlussfolgerung des Vaters soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Neue Kooperationen für eine neue Form des Storytellings

Screenshot "Coffeeshop"

Feel-Good-Welt: Sandra und ihre beste Freundin Klaudi beim Chillen

Die Umsetzung multimedialer Projekte erfordert auch die Zusammenarbeit mit neuen Kooperationspartnern. Bei Coffeeshop hat der Verlag Bastei Lübbe mit der Filmproduktionsfirma Saxonia Media GmbH zusammengearbeitet. Als Autorin der Geschichten wurde die Drehbuchschreiberin Gerlis Zillgens und für die Videodrehs die Schauspieler Franziska Wulf, Christoph Humnig, Kristin Suckow und Alexander Wüst engagiert. Bastei Lübbe hat eigentlich alles richtig gemacht. Eine gute Story, eine lockere Schreibe, sympathische Figuren, professionelle Schauspieler und einfallsreiche Animationen.

"Coffeeshop" bei Faecbook

Auf Facebook sind die Reaktionen noch verhalten.

Wie es im Buch selbst an einer Stelle heißt, ist Coffeeshop kein schlechter Roman. Coffeeshop ist eine gelungene Kombination aus unterhaltsamem Lesefutter und Vorabendsoap, die vor allem Frauen ansprechen dürfte. Man kann selbst lesen oder sich die Geschichten vorlesen lassen. Die App enthält außerdem Infos zu den Serienfiguren, eine Rezeptesammlung, Play- und Bücherliste, ein Spiel sowie die Anbindung an Facebook, wo die Interaktion der Fans allerdings noch etwas auf sich warten lässt. Eine Website zu der Serie gibt es selbstverständlich auch.

Ende November 2012 erschien die erste, Mitte Februar 2013 die letzte Staffelfolge. Bleibt abzuwarten, ob Bastei Lübbe damit einen Nerv getroffen hat und sich für dieses neue Medienformat ausreichend Käufer finden werden. „Klingt eher nach Fernsehen oder Internetsurfen als nach Lesen“, lautet ein Kommentar. Das dürfte für ein neues Medienformat nicht das Schlechteste sein.

Wer hat Coffeeshop schon ausprobiert (die erste Episode ist kostenlos) und  was ist Ihre/Deine Meinung? Ist der multimediale Serienroman das Buch der Zukunft?