Kategorie: Kulturelle Bildung

  • „Tag der Leseförderung“ zeigt Vielfalt außerschulischer Leseförderung in Schleswig-Holstein

    „Tag der Leseförderung“ zeigt Vielfalt außerschulischer Leseförderung in Schleswig-Holstein

    Auf Einladung der Landesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ) e.V. SH, des Jungen Literaturhauses und des im März gegründeten Lesenetzes Schleswig-Holstein trafen sich am 7. Oktober 2023 rund 50 Gäste zum Tag der Leseförderung im Literaturhaus SH in Kiel. Zur Veranstaltung kamen sowohl Fachleute, die sich mit anderen Initiativen austauschen wollten, als auch Menschen, die sich in der Leseförderung ehrenamtlich engagieren. Unter den Teilnehmerinnen waren Lehrerinnen, Bibliothekarinnen, Schulleiterinnen, Ehrenamtliche, Erzieherinnen, Autorinnen, eine Buchhändlerin und eine Kreisfachberaterin.

    Die zentrale Frage des Tages lautete: Wie können wir mehr Kinder für das Lesen begeistern? Die im Mai veröffentlichte internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) ergab, dass jedes vierte Kind einer 4. Klasse Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen von Texten hat. Welche Chancen bieten hier außerschulische Leseförder-Initiativen? Welche Konzepte funktionieren? Und was braucht es, damit diese Initiativen noch mehr Kinder erreichen?

    Die Veranstalter des Tags der Leseförderung: Dr. Christian Schmidt-Rost (LKJ), Linda Hartwig (Junges Literaturhaus) und Charlotte Reimann (Lesenetzes SH) vor dem Literaturhaus SH.

    Mit der Veranstaltung wollten wir aufzeigen, wie vielfältig Leseförderung sein kann und welche erfolgreichen Initiativen bereits existieren. Dazu haben wir sowohl neue als auch etablierte Vorlese-Initiativen eingeladen, darunter der Friedrich-Bödecker-Kreis in Schleswig-Holstein e.V., der Büchereiverein Dietrichsdorf e.V., MENTOR Leselernhelfer Kreis Plön, das Netzwerk „Lesen – was sonst?!“, die Aktion “Vorlesen in allen Sprachen” von Dussmann und der Stiftung Lesen und das Bücherkoffer-Projekt von Coach@School.

    Verena Andel und Alexander Kraft aus dem Bildungsministerium

    Im Namen des Ministeriums für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur hießen Alexander Kraft und Verena Andel alle Referentinnen und Teilnehmenden herzlich willkommen. 

    Friedrich-Bödecker-Kreis in Schleswig-Holstein

    Autorenlesungen an Schulen

    Margrit Ehbrecht, 1. Vorsitzende des Friedrich-Bödecker-Kreises in Schleswig-Holstein

    Margrit Ehbrecht engagiert sich seit 2006 ehrenamtlich im Vorstand des Friedrich-Bödecker-Kreises in Schleswig-Holstein e.V., seit 2014 ist sie die 1. Vorsitzende. Seit fast 40 Jahren setzt sich der Verein für Leseförderung und freies Schreiben ein. Die Ehrenamtlichen organisieren Autorenbegegnungen und Workshops an Schulen und in Kitas und probieren neue Formate, wie das Buchprojekt „Fischen im Wörtermeer“, die Büchertürme der Autorin Ursel Scheffler, Lyrik-Reisen und die Autorenpatenschaft der Wörterwelten.

    MENTOR-Leselernhelferinnen Kreis Plön

    Ein Kind ein Schuljahr beim Lesenlernen begleiten

    Gesa Gilbert, Mitgründerin der neuen MENTOR-Leselernhelferinnen-Gruppe im Kreis Plön

    Gesa Gilbert ist Mutter von drei Kindern und hat das Glück, sie beim Lernen gut unterstützen zu können. Das können aber nicht alle Familien, wie sie selbst in Zeugniskonferenzen erfahren hat. Mit ein bisschen Hilfe beim Lesenlernen könnten viele Kinder versetzt werden, die sonst die Klasse wiederholen müssen. Deshalb hat die Plönerin zusammen mit Elisabeth Krefft-Behrsing die Gruppe MENTOR Leselernhelfer Kreis Plön gegründet. „Über die Förderung der Sprach- und Lesekompetenz wird gleichzeitig auch das Selbstbewusstsein, die Sozialkompetenz, Selbstständigkeit und Kreativität der Kinder gestärkt“, erzählt sie. Alle diese Eigenschaften ermöglichen einen besseren Start in das Schulleben sowie gesellschaftliche Teilhabe.

    Büchereiverein Dietrichsdorf e.V.

    Rettung und Finanzierung einer Bücherei

    Bärbel Lubert, Vorstandsmitglied des Büchereivereins Dietrichsdorf

    Der Büchereiverein Dietrichsdorf e.V. wurde im Jahre 2005 gegründet. Das Ziel war, die Stadtteilbücherei in Dietrichsdorf vor der Schließung durch die Stadt Kiel zu bewahren. Dieses Ziel wurde erreicht – der Verein blieb, die Ziele veränderten sich. Um die Erwachsenen fürs Lesen zu gewinnen, müssen wir mit den Kindern anfangen, erkannten die Engagierten. Mit zahlreichen Veranstaltungen wie Bücherflohmärkten, Lesungen und einem Krimifestival verdient der Verein Geld, damit die Bücherei weiterlebt. Bis heute hat der Verein mit seinen ehrenamtlich organisierten Veranstaltungen rund 80.000 Euro für die Anschaffung neuer Medien für die Bücherei erwirtschaftet. „Wenn eine Bücherei nicht aktuell ist, dann stirbt sie“, machte Vorstandsmitglied Bärbel Lubert in ihrem Impulsvortrag deutlich.

    Kieler Kinder- und Jugendbuchkreis

    Kinder auf der Kieler Woche zum Schmökern bringen

    Regine Dürmeyer, Kieler Kinder- und Jugendbuchkreis

    Regine Dürmeyer ist Sonderpädagogin und engagiert sich seit zehn Jahren im Kinder- und Jugendbuchkreis. Seit über 40 Jahren setzt sich dieser für die Leseförderung ein. Jedes Jahr erstellen die ehrenamtlichen Mitglieder eine Buchempfehlungsliste mit rund 120 Titeln zu einem wechselnden Thema. Alle Bücher der Liste werden während der Kieler Woche und bei Einzelausstellungen präsentiert. Kinder und Jugendliche können so im Trubel der Kieler Woche auf der Krusenkoppel direkt in die Welt der Bücher eintauchen. Das Lesezelt sei „eine Institution auf der Kieler Woche“, bestätigte auch Alexander Kraft.

    Lesen – was sonst?!

    Kindern Angebote machen – Ideen gibt es genug

    Angelika Rau, Diplombibliothekarin und Literaturpädagogin

    „Wenn wir wirklich wollen, das Kinder nicht nur lesen lernen, sondern darin sicher und geübt sind, dann sollten wir, die lesen können, dieses Vergnügen weitergeben, teilen und den Kindern Angebote machen. Ideen gibt es genug,“ appelliert Angelika Rau. Sie hat über 40 Jahre Berufserfahrung als Diplombibliothekarin und eine Zusatzausbildung als Lese- und Literaturpädagogin. Im Jahr 2000 startete sie die erste Aktion im Rahmen von „Lesen – was sonst?!“

    Vorlesen in allen Sprachen

    Vorlesen in der Muttersprache ermöglichen

    Andrea Ludorf, Geschäftsführerin bei Dussmann das KulturKaufhaus in Berlin

    Andrea Ludorf ist gelernte Buchhändlerin und studierte Literaturwissenschaft und Geschichte in München. Bei Dussmann verantwortet sie als Geschäftsführerin die Bereiche Vertrieb und Marketing, wozu auch die Aktion “Vorlesen in allen Sprachen” gehört. Bei dieser Initiative produziert Dussmann, das KulturKaufhaus zusammen mit der Stiftung Lesen und den FRÖBEL Kindergärten neun Bilderbücher in acht Sprachen, um das multilinguale Vorlesen in Kindergärten und Familien aktiv zu unterstützen. Die Bücher erscheinen pünktlich zur Frankfurter Buchmesse und können regulär im Buchhandel bestellt werden.

    Bücherkoffer von Coach@School

    Vorlesen zuhause fördern

    Anna Majert, Verein Coach@School

    Anna Majert war extra aus Hamburg angereist, um das Bücherkoffer-Projekt von Coach@School vorzustellen. Zwei knallblaue Bücherkoffer begleiten eine erste oder zweite Klasse über die Dauer eines Schuljahres und rollen abwechselnd jeweils für eine Woche mit einem Kind nach Hause. Die Koffer sind gefüllt mit jeweils zwölf Kinderbüchern in bis zu 50 Sprachen. Zuhause motiviert der Bücherkoffer zum gemeinsamen Erzählen und (Vor-)Lesen in der Familiensprache und bindet Eltern aktiv ein. Im Schuljahr 2023/24 starten die ersten Schulen in Schleswig-Holstein im Programm. Am Tag der Leseförderung gab es noch ein paar letzte freie Plätze.

    Beeindruckend viel ehrenamtliches Engagement

    Zum Abschluss nur glückliche Gesichter (v.l.n.r.): Dr. Christian Schmidt-Rost (Geschäftsführer LKJ), Gesa Gilbert (Mitgründerin MENTOR Kreis Plön), Bärbel Lubert (Büchereiverein Dietrichsdorf e.V.), Andrea Ludorf (Geschäftsführerin Dussmann), Linda Hartwig (Junges Literaturhaus), Louisa (Praktikantin Literaturhaus), Britta Lange (Leitung Literaturhaus), Charlotte Reimann (Initiatorin Lesenetz SH), Anna Majert (Coach@School), Farangis Sawgand (Jury Junger Literaturpreis SH), Foto: Regine Dürmeyer

    Mit dem „Tag der Leseförderung“ boten wir den unterschiedlichen Initiativen im Land ein Forum, um sich zu präsentieren und auszutauschen. Das Ziel des Lesenetzes SH ist es, Räume zu eröffnen, in denen sich Menschen, die in der Leseförderung aktiv sind, inspirieren, unterstützen und voneinander lernen können. Ich denke, das ist uns mit diesem Tag der Leseförderung im Literaturhaus gelungen. Beeindruckend waren die vielen verschiedenen Ideen und das große ehrenamtliche Engagement, das hinter so vielen erfolgreichen Projekten steckt. In allen Vorträgen war die Lust am Lesen, die Freude an Poesie und Poetik und der Wunsch zu spüren, allen Kindern alle Chancen zu ermöglichen.

    Wunsch nach Unterstützung des Ehrenamts

    Es herrschte eine inspirierende und angeregte Stimmung im Literaturhaus. Nach den Impulsvorträgen ergaben sich viele spontane Gespräche. Tische standen bereit, an denen die Teilnehmer mit den Referentinnen ins Gespräch kommen konnten. Einige Gäste konnten von eigenen spannenden Initiativen berichten. Ganz frisch starten die Kolleginnen vom Lesenetz Hamburg / Seiteneinsteiger e.V. gerade das E-Learning-Angebot von Buchstart 4½. Eine auch für Schleswig-Holsteiner kostenfreie Online-Qualifizierung, die pädagogischen Fachkräften aus Kitas und Vorschulen Wissen und Methoden vermittelt, um Kinder auf ihrem Weg vom Vorlese- zum Lesekind mit Freude und Fachkompetenz zu begleiten.

    Neben der vielen positiven Energie und Leidenschaft, die spürbar war, wurde auch deutlich, dass sich das Ehrenamt an vielen Stellen Unterstützung von hauptamtlicher Seite wünscht. Eine Entlastung in der Verwaltungs- und Öffentlichkeitsarbeit hätte zur Folge, dass sich die Ehrenamtlichen stärker auf die eigentliche Leseförderung konzentrieren könnten. Eine landesweite Netzwerkstelle Leseförderung könnte verschiedene Initiativen beraten und entlasten. Damit könnten mehr Ehrenamtliche gewonnen und so mehr Kinder mit Leseförderangeboten erreicht werden. Eine Idee, die wir gern weiterverfolgen werden, denn auch wir engagieren uns größtenteils ehrenamtlich für das Lesenetz Schleswig-Holstein.

    Bis es so weit ist, informieren und vernetzen wir euch über unseren Instagram-Account @Lesnetz_SH. Auf der Website des Lesenetzes finden sich die Leseinitiativen & Vereine, die sich im Lesenetz SH austauschen. Neue Mitglieder sind herzlich willkommen!

    Der Tag der Leseförderung in Bildern

    Ein herzliches Willkommen: Linda Hartwig (Junges Literaturhaus) und Britta Lange (Leitung Literaturhaus)
    Interessiert lauschen die Gäste aus dem Ministerium und die beiden Veranstalter.
    Rund 50 Gäste waren ins Literaturhaus gekommen.
    Gespannte Zuhörerinnen
    Unter den Teilnehmerinnen waren Lehrerinnen, Bibliothekarinnen, Schulleiterinnen, Ehrenamtliche Vorleserinnen, Erzieherinnen, Autorinnen und eine Kreisfachberaterin.
    Im Anschluss an die Impulsvorträge gab es Kaffee & Muffins
    Raum für persönlichen Austausch und Vernetzung
    Alexander Kraft im Gespräch mit Andrea Ludorf
    Gesa Gilbert, Mitgründerin der MENTOR-Gruppe Kreis Plön
    Im Gespräch mit Sabine Böttcher
    Von den Teilnehmerinnen gab es positives Feedback.
    Regine Dürmeyer (links) und Mitglieder des Kinder- und Jugendbuchkreises Kiel

    Fotos: Charlotte Reimann

  • Was kann die Kultur für die Gesellschaft tun?

    Was kann die Kultur für die Gesellschaft tun?

    Krise als Chance für Transformation

    Die Corona-Pandemie hat den Kulturbetrieb in Deutschland stark getroffen. Obwohl die Einrichtungen längst wieder geöffnet haben, fehlt das Publikum. Theater- und Opernhäuser haben einen erheblichen Teil ihrer Abonnent*innen verloren. In Museen und Clubs kehren die Besucher*innen nur zögerlich zurück. Auch bei Lesungen bleiben viele Stühle leer. Die Verlage, gerade die kleinen Independent-Verleger*innen, kämpfen um Buchverkäufe und ums Überleben. Auch Bibliotheken, die am stärksten genutzten außerschulischen Kultur- und Bildungseinrichtungen in Deutschland, machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Während der Corona-Pandemie haben sie insbesondere Kinder als Nutzer*innen verloren. Diese konnten die Einrichtung nicht kennenlernen. Leseförderangebote wie Veranstaltungen und Kooperationen mit Schulen und Kitas fielen aus.

    In dieser herausfordernden Situation sorgen sich die Kultureinrichtungen zudem, dass sie schließen müssen, weil sie die aufgrund von Putins Krieg in der Ukraine explodierenden Energiekosten nicht tragen können. Bei fehlenden Besucher*innen wäre dieser Schritt nachvollziehbar, denn ganz Deutschland muss Energie und Gas sparen, damit es am Ende für alle reicht. Kulturstaatsministerin Claudia Roth möchte verhindern, dass Kultureinrichtungen schließen müssen, weil “Museen, Theater, Kinos auch Räume sind, die Menschen Bildung, Kommunikation und soziale Wärme ermöglichen“. Kultureinrichtungen sollen daher ab Januar 2023 mit dem „Kulturfonds Energie“ mit mehr als einer Milliarde Euro entlastet werden – im Gegenzug sollen die Veranstalter*innen von kulturellen Events Energie einsparen.

    In dieser Fördermilliarde liegt die (verpasste?) Chance, staatliche geförderte Kultureinrichtungen zu transformieren und sie in die sozialen Räume zu verwandeln, die wir in dieser Krise brauchen. Kulturbetriebe sollten sich nicht nur die Frage stellen, wo sie Energie einsparen können, sondern selbstkritisch hinterfragen, warum sie in der Krise weiterhin geöffnet bleiben sollen, während andere Einrichtungen vielleicht schließen müssen (etwa das städtische Hallenbad, in dem bereits in den vergangenen Jahren viele Kinder aufgrund von Corona nicht schwimmen lernen konnten).

    Eine Frage der Haltung

    Dokk1 – Bücherei und multikultureller Treffpunkt hat auch sonntags geöffnet

    Es ist viel die Rede davon, dass sich Kultureinrichtungen in sogenannte “Dritte Orte” verwandeln sollen. Diese bieten die Möglichkeit, mit Bildung, Kunst und Kultur, aber auch mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Der Begriff „Dritter Ort“ stammt von dem Stadtsoziologen Ray Oldenburg. Er beschrieb damit die sozialen Treffpunkte (zwischen dem Zuhause, einem ersten Ort und dem Arbeitsplatz, dem zweiten Ort), die für den sozialen Zusammenhalt eines Viertels sorgen.

    Ein herausragender Dritter Ort ist sicherlich das 2019 eingeweihte 280-Millionen-Euro-Bauprojekt Dokk1 in Aarhus. Es ist Bibliothek, Bürgerzentrum und Café im Herzen der Stadt. Die Besucher*innen finden dort zahlreiche Sofas und Sessel mit Blick aufs Wasser zum Lesen oder Musik hören. Außerdem Schreibtische zum Arbeiten, mehrere Indoor- wie Outdoor-Spielplätze, Spielkonsolen, eine Kreativwerkstatt, einen Turnraum für Kleinkinder und eine Küche, in der mitgebrachtes Essen zubereitet werden kann. Dokk1 will mehr sein als einfach eine Bücherei und ein Bürgerzentrum, nämlich ein Ort des Austauschs und ein multikultureller Treffpunkt.

    Eine solche Ausstattung und Lage sind beeindruckend. Um Kulturorte in Dritte Orte zu verwandeln, kommt es jedoch eher auf die Haltung an. Wen laden wir zu uns ein? Wie erleichtern wir unseren Besucher*innen den Zugang? Braucht es Übersetzungen auf Ukrainisch, Russisch, in leichte Sprache, andere Öffnungszeiten, freien Eintritt, mobile aufsuchende Teams?

    Welche Angebote und Kooperationen braucht es jetzt?

    Um auf die Hallenbäder zurückzukommen. Alarmierend ist nicht nur, dass laut der Deutschen-Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) quasi zwei Schuljahrgänge aufgrund von Corona nicht schwimmen gelernt haben. Ebenso dramatisch ist die Situation im Bereich Lesen, Schreiben und Rechnen. Bundesweit erreichen laut IQB-Bildungstrend 2021 22 Prozent der Viertklässler die Mindeststandards in Mathe nicht. Im Bereich Lesen sind es 19 Prozent. Es handelt sich um einen bundesweiten Abwärtstrend, der bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien und Kindern mit Zuwanderungshintergrund besonders groß ist.

    Angesichts dieser erschreckenden Zahlen sollten sich Kultureinrichtungen wie Theater, Museen und Bibliotheken fragen, wie sie den Schulen beiseite stehen können. Welche neuen Kooperationen und Angebote wären umsetzbar und welche sollten weiter ausgebaut werden? Ich würde mir wünschen, dass die vom Deutschen Kulturrat aus dem Energiefonds geforderten 800 Mio. Euro nicht einfach nur als Wirtschaftlichkeitshilfe und Ausfallhilfe eingesetzt werden. Damit sollten gezielt kulturelle Bildungsangebote gefördert werden, die genau diese Kinder unterstützen und einbinden.

    Was kann die Kultur für die Gesellschaft tun?

    Gerahmte Pappschilder von Bettler*innen, ARoS Aarhus Kunstmuseum

    Kultur ist auch immer Teil eines gemeinschaftlichen Erlebnisses. Wer kennt nicht den Bilderbuch-Klassiker „Frederik“ von Leo Lionni? Während die anderen Mäuse Vorräte für den Winter sammeln, sammelt Frederick lieber Wörter, Farben und Sonnenstrahlen. Als alle Vorräte aufgefuttert sind, wärmt und erfreut Frederick die anderen mit seiner Kunst. In diesem Sinne sollte sich jede Institution, die Fördergelder aus dem „Kulturfonds Energie“ erhält, überlegen, wie sie diese Zuwendung an die Gesellschaft zurückgeben kann.

    Wir können Armut und Ungerechtigkeit als Themen in die Kultur bringen, etwa in Form einer Ausstellung. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läuft noch bis Februar 2023 die Ausstellung „Who’s next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt„, die Lösungsansätze für Wohnungslosigkeit liefert. Das Museum stellt nicht nur Lösungen vor, sondern setzt sich auch dafür ein, dass der Vorplatz des Museums zu einem würdigen Aufenthaltsort für Obdachlose und Drogenkonsumentinnen umgestaltet wird.

    Statt nur Fragen zu stellen, können wir also auch versuchen, Antworten zu finden. Wie können wir in diesen Zeiten Zuversicht schenken, welches Problem können wir lösen? Der thailändische Künstler Rirkrit Tiravanija wurde in den 1990er Jahren damit berühmt, dass er im Ausstellungsraum Curry kochte und an die Besucher*innen verteilte. Er zielte darauf ab, aus passi­ven Zuschau­enden aktive Teil­neh­mende zu machen und die Trenn­li­nie zwischen Kunst und Leben zu verwi­schen. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, das Leben in die Kunst zurückzuholen?

    Finden wir kreative Antworten!

    Uns steht ein Winter bevor, in dem Menschen frieren werden, weil sie sich die gestiegenen Energiekosten nicht mehr leisten können. Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland und konkurrieren mit den Menschen vor Ort um viel zu knappen Wohnraum. Die Inflation ist so hoch, dass die meisten Tafeln keine neuen Kund*innen mehr annehmen, weil die Nachfrage größer ist als das Angebot. Trauen wir uns, unsere Kulturinstitutionen zu öffnen und mit allen zu teilen. Laden wir die Tafeln direkt zu uns ein und bitten wir unsere Besucher*innen um Sachspenden. Geben wir Flüchtlingen aus der Ukraine und anderen Ländern die Möglichkeit, mitzugestalten. Stellen wir Sofas und Sessel in Museen, bieten wir „soziale“ und auch ganz reale Wärme.

    Kultur ist die „Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung“ – so lautet die Definition von Kultur von Oxford Languages. Wer also, wenn nicht die Kultureinrichtungen sollten kreative Antworten auf die aktuellen Herausforderungen – Krieg, Energiekrise, Inflation, Wohnungsnot, Bildungsmisere – finden? Wir sollten uns nicht damit begnügen, nach Krisenfonds zu rufen – ja, diese sind wichtig! – sondern den Blick noch intensiver darauf richten, was wir tun können, um einen Unterschied zu machen.

    Die Positionierung „Die Energiekrise ist auch eine Kulturkrise“ des Präsidenten der Kulturpolitischen Gesellschaft enthält viele gute Vorschläge, was jetzt zu tun ist. Legen wir also los!

    Einen Unterschied macht hier die Lesung der Autorin Irene Margil für die Drittklässler*innen einer Preetzer Grundschule im Rahmen der Preetzer Lesewerkstatt im Oktober 2022.

    Bildausschnitt: Still Life with Flowers and Fruit, Henri Fantin-Latour, 1866, The Metropolitan Museum of Art, Public domain

  • Wer kennt Marie Juchacz?

    Wer kennt Marie Juchacz?

    Die Blogparade #femaleheritage“ der Münchner Stadtbücherei versammelt vergessene Autorinnen, Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen. Perfekte Inspiration für alle, die eine U-Bahn-Station umbennen oder eine neue Schule bauen wollen.

    Bei uns in Preetz gibt es ein Friedrich-Schiller-Gymnasium, eine Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule, eine Friedrich-Ebert-Grundschule und eine Herman-Ehlers-Grundschule. Bildung scheint hier nur männliche Vorbilder zu kennen. Dabei gibt es in Preetz auch einen namenlosen AWO Bildungscampus. Die Arbeiterwohlfahrt, die heute jeder als AWO kennt, wurde am 13. Dezember 1919 von einer Frau gegründet. Marie Juchacz hat nicht nur die AWO gegründet, sondern auch für das Frauenwahlrecht gestritten, das 1918 eingeführt wurde. Sie hielt als erste Frau in einem deutschen Parlament eine Rede.

    Marie Juchacz, die unbekannte Oma der Demokratie

    Die taz nennt Marie Juchacz die „Uroma der Demokratie“ und konstatiert: „Heute ist Marie Juchacz erstaunlich unbekannt.“ Das verwundert nicht, wenn nicht nur in Preetz, sondern auch in anderen Städten die Schulen nur nach männlichen Denkern oder Politikern benannt werden. Aufmerksam wurde ich das erste Mal auf Marie Juchacz in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Bad Malente. Die Bildungsstätte trägt zwar nicht ihren Namen. Aber immerhin hat Marie Juchacz es dort in eine Reihe von Schwarzweiß-Porträts geschafft – eine etwas verstaubte Wall of Fame der Sozialdemokratie – größtenteils Männer.

    150 Blogartikel zu faszinierenden Frauen

    Die Münchner Stadtbibliothek/Monacensia hat zur Blogparade „Frauen und Erinnerungskultur“ aufgerufen. Ihr Ziel ist es „über die Präsenz von Frauen und ihre Leistungen und Lebensentwürfe im kollektiven Gedächtnis in den Austausch zu gehen und sie darüber hinaus in das kulturelle Gedächtnis einzuschreiben“. Über 150 Blogartikel zu faszinierenden Frauen wurden bereits veröffentlicht. Sie bieten reichlich Inspirationen für alle Bürgermeister:innen und Stadträt:innen, die auf der Suche sind nach einem neuen Straßennamen, die eine U-Bahn-Station umbennen oder eine neue Schule bauen wollen. Die Sozialdemokratin Marie Juchacz ist dabei nur eine von vielen Frauen, die wir in die Kulturgeschichten der Städte zurückschreiben sollten.

    Kleiner Exkurs: In den deutschen Parlamenten gibt es 2020 immer noch keine Parität

    Am 19. Februar 1919 hielt Marie Juchacz als erste Frau eine Rede in einem deutschen Parlament. Zusammen mit 36 weiteren Frauen gehört die damals 40-jährige Sozialreformerin und Frauenrechtlerin zu den ersten weiblichen Abgeordneten in Deutschland. Über 100 Jahre später gibt es in den deutschen Parlamenten immer noch keine Parität. Nach Klagen von AFD und NPD hat das Brandenburger Verfassungsgericht im Oktober 2020 das Paritätsgesetz zu den Kandidatenlisten der Parteien für Landtagswahlen gekippt.

    Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, hat diese himmelschreiende Ungleichberechtigung in einem Gespräch mit der Aufsichtsrätin Simone Menne über die Quote mit einem eindrücklichen Beispiel illustriert: Es wird als selbstverständlich angesehen, dass alle 27 Mitgliedstaaten der EU gleichberechtigt in der Europäischen Kommission vertreten sind. Es wird jedoch nicht als selbstverständlich angesehen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt in der Exekutive vertreten sind. Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hat im November 2020 die verbindliche Frauenquote in Vorständen (In Vorständen börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern muss demnach künftig ein Mitglied eine Frau sein) als historischen Durchbruch verkündet – von Parität ist diese Quote allerdings noch weit entfernt.

    Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien

    Und wie sieht es mit Parität im Kultur- und Medienbetrieb aus? Der aktuelle Status Quo und geeignete Maßnahmen, wie Geschlechtergerechtigkeit im Kultur- und Medienbetrieb langfristig hergestellt werden kann, waren am 8. Dezember 2020 die Themen der digitalen Konferenz des Deutschen Kulturrats (im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft) „Geschlechtergerechtigkeit in Kultur & Medien Europas“. Die Videos der Vorträge sind auf der Web-Plattform zur Konferenz weiterhin abrufbar.

    Hier geht es zur Blogparade der Münchner Stadtbücherei, der Monacensia als literarisches Gedächtnis Münchens: Frauen und Erinnerungskultur | #femaleheritage“

    Collage: Bild von Marie Juchacz und Reichtagskuppel (Foto: Francesco Luca Labianca /Unsplash)

  • Wie kann Kultur der ideale Experimentierraum für Innovation sein?

    Wie kann Kultur der ideale Experimentierraum für Innovation sein?

    Welche Chancen zeigen sich in der Krise für das Zusammenspiel von Kultur und Innovation? Welche Innovationen braucht der Kulturbetrieb? Und welche Rolle spielt Kultur bei der Stadtentwicklung?

    Fünf Expert:innen aus dem Kulturbereich geben darauf innovative Antworten. Beim Online-Panel „Kultur & Innovation“ der Kulturpolitischen Gesellschaft Rhein-Neckar am 11.11. diskutierten sie unter anderem die #NeueRelevanz der Kultur. Die Kulturpolitische Gesellschaft e.V. versteht sich als bundesweiter Think- and Do-Tank für Kulturpolitik.

    Haltung als Voraussetzung für Innovation

    Martin Zierold, Leiter des Instituts für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, eröffnete die Runde mit einem Vortrag über die #NeueRelevanz der Kultur in Corona-Zeiten. Seine These lautet: Genau wie Vertrauen kann man Wertschätzung nicht einfordern, man muss sie sich auch verdienen.

    „Kultur ist zum Beispiel nicht für alle da. Ihre Produktion wird zumindest nicht von allen als derzeit annähernd größtes Problem empfunden. Sie interessiert dringlich nur eine Minderheit, wenn auch eine vergleichsweise lautstarke.“

    Tobi Müller, in der ZEIT vom 29. Oktober 2020

    Laut Martin Zierold ist Innovation immer eine Interpretation und Bewertung von etwas durch jemanden. In unsicheren Zeiten ist Haltung die Grundlage für Handlungsfähigkeit. Wirksame Haltung ist dabei eine Frage der Stimmigkeit. Eine glaubwürdige Haltung beruht auf einem stimmigen Handeln im Hinblick auf gesellschaftliche Herausforderungen. Haltung und Stimmigkeit, so lautet seine Schlussfolgerung, sind Voraussetzung für wirksame Innovation in Zeiten von Unsicherheit.

    Screenshot Vortrag von Prof. Dr. Martin Zierold
    Screenshot Vortrag von Prof. Dr. Martin Zierold

    Visionieren ist wichtiger als verwalten

    Es muss toll sein, in Bonn Kultur zu machen! Dieser Gedanke kommt einem unweigerlich, wenn man Birgit Schneider-Bönninger, Kultur- und Sportdezernentin der Bundesstadt Bonn, zuhört. Mit ihrer Forderung „Visionieren ist wichtiger als verwalten“ bringt sie Gründerstimmung in die Verwaltung. Ihre Schlagworte sind „Echte Partizipation“, „Ideen zählen“, „Ressortübergreifende und hierarchiefreie Zusammenarbeit“ und „Synergie als Schlüssel“. Sie plädiert dafür, „Verwaltung als Versuchsanordnung zu sehen„, Systembrüche zu wagen (mit welchen Querdenkern besetzt man freie Positionen?) und so viele Möglichkeitsräume zu schaffen wie möglich (Zwischennutzung, „Beginner-Klima“). Durch Corona befinden wir uns alle in einem Experiment und erfinden uns gemeinsam neu, resümiert sie.

    In Bonn erfindet Birgit Schneider-Bönninger neue Formate, indem sie Sport und Kultur zusammenbringt. Eine Grünfläche verwandelte sich so im Sommer 2020 in einen “Opern-Rasen“. Vier Monate lang fanden dort Sportangebote umsonst und draußen statt, abwechselnd mit Konzerten und Auftritten von Straßenmusiker:innen. Es entstand ein neuer Wohlfühl- und Lieblingsort für alle Bonner:innen. So ein Format stärkt das „Wir“-Gefühl in der Stadtgesellschaft, ist sich die Kultur- und Sportdezernentin sicher. Die unterschiedlichen Zielgruppen wurden gemischt und das gegenseitige Verständnis ist gewachsen.

    Als Direktorin des Stuttgarter Kulturamtes hatte sie bereits das preisgekrönte „Zukunftslabor Kultur“ gestartet, das ein Erfolgsmodell für andere Städte geworden ist, die ihre digitalen Zukünfte partizipativ und kreativ gestalten wollen. Für Birgit Schneider-Bönninger ist ein „Labor“ der perfekte Ort, um Neues zu erfinden und querzudenken. Sie betont auch, wie wichtig es ist, die Menschen zu fragen, was sie sich wünschen und was ihnen fehlt. Und dass es wichtig sei, Kulturakteure auf Augenhöhe miteinzubeziehen.

    Sport im Park - OpernRasen Bonn
    Alternatives Sport im Park-Angebot auf dem Opernrasen u.a. von der Universität Bonn Foto: ©colourbox.com/Uni Bonn

    Kultureinrichtungen sollten sich fragen, wie sie sich als Ressource ihrer Stadt verstehen können

    Inka Neubert, Künstlerische Leitung und Geschäftsführung des Theaterhaus G7 in Mannheim, sucht neue Formen, wie Theater unter Corona stattfinden kann. „Nur abfilmen“ ist in ihren Augen eine unbefriedigende Lösung. Doch um hier neue Ansätze zu entwickeln, bräuchten sie Menschen, die sie im Digitalen unterstützen. Henning Mohr, Leiter des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. in Bonn, beobachtet, dass Kollaboration immer wichtiger wird.

    Für Birgit Schneider-Bönninger ist es entscheidend, dass die Institutionen auch in die Stadtteile gehen und Teilhabeformate anbieten. Ziel ihrer Arbeit war es immer, Menschen zusammenzubringen, sei es bei Kulturstammtischen oder Kulturbarcamps. Auch bei Sponsoren sollte man die Lust auf Kultur wecken, auch diese bräuchten permanente Ansprache. Kultureinrichtungen sollten sich fragen, wie sie sich als Ressource ihrer Stadt verstehen können und Angebote über „die eigene Bühne“ hinaus planen. Sie sollten in den Dialog gehen und die Bewohner forschend fragen: Was könnt ihr gebrauchen?

    Archiv des Misserfolgs

    Das „Archiv des Misserfolgs“ ist eine interaktive Geschichtensammlung und Ausstellung im Theaterhaus G7.

    Statt „Antragslyrik“ Möglichkeit zum „Scheitern“ geben

    Alle Diskussionsteilnehmer:innen sind sich einig, dass Kunst und Kultur der perfekte Raum sind, um Utopien zu entwerfen. Moderator Matthias Rauch, Sprecher der Regionalgruppe Rhein-Neckar der Kulturpolitischen Gesellschaft und Leiter der Kulturellen Stadtentwicklung, NEXT Mannheim, macht jedoch darauf aufmerksam, dass die aktuellen Förderlogiken der Kulturpolitik ein Scheitern per se ausschließen. Damit sei das Ergebnis im Förderantrag bereits festgeschrieben.

    Was wir bräuchten, wären jedoch offene Prozesse, erkennt Henning Mohr. Denn zu einem Experiment gehört, dass man damit scheitern kann und muss. „Das ganze System der Kulturförderung müsste man transformieren“, fordert Birgit Schneider-Bönninger. Inka Neubert stimmt zu: Man lerne eine regelrechte „Antragslyrik“. Das Thema Scheitern hat sie in dem künstlerischen Projekt „Archiv des Misserfolgs“ verarbeitet, denn es ist ihr wichtig, „dass man dem Scheitern Räume gibt“.

    Martin Zierold hat auch schon einen Vorschlag, wie man die Förderkriterien verbessern könnte. Es müsste ein Kriterium geben, dass danach fragt, was wir gelernt haben. Die anderen Diskussionsteilnehmer:innen ergänzen, dass im Kulturbetrieb eine Kultur der Weiterbildung fehle. Insbesondere die Leitung großer und kleiner Institutionen, so Cora Malik, Geschäftsführerin des Kulturhauses Karlstorbahnhof in Heidelberg, sei oft wahnsinnig Status quo bezogen. Damit fehlt auch häufig die Ausrichtung der Kulturinstitutionen auf die Gesellschaft. Durch Berufung auf die künstlerische Freiheit entstünden mitunter viel zu „homogene Bubbles“.

    Screenshot Kultur & Innovation
    Screenshot des Webpanels „Kultur & Innovation“

    5 Tipps, wie Innovation durch Kultur gelingen kann

    Am Ende zieht jeder der Diskussionsteilnehmer sein persönliches Fazit, welche Voraussetzungen wir brauchen, damit Kultur ein idealer Experimentierraum für Innovation werden kann:

    1. Institutionen öffnen, mehr in Kollaborationen denken und durch Kulturpolitik entsprechende Anreize schaffen. (Henning Mohr)
    2. Mut aufbringen; keine Berührungsängste haben; alle Akteure, die sich der Stadt bewegen mitdenken; Kunst soll Stadtgespräch werden, alle sollen sich davon berührt und getroffen fühlen; rebellisch sein auf Verwaltungsseite. (Birgit Schneider-Bönninger)
    3. Die Dinge selbst vorantreiben und auf andere zugehen. (Cora Malik)
    4. Offenheit, Transparenz und ein vertrauensvolles Verhältnis sind wichtig; auch Streit ist erlaubt. (Inka Neubert)
    5. Lernen von dem, was es gibt. Nicht einfach kopieren, sondern lokal und kontextabhängig eigene Formate entwickeln. (Martin Zierold)

    Fazit

    Die Erfahrungen und Erkenntnisse der Kultur-Expert:innen sind für mich enorm wichtig. Denn sie stützen meine Ideen und die Konzeption meiner eigenen Kulturprojekte, wie das Lesefests in Preetz. Es ist wunderbar zu erfahren, dass es anderswo erfolgreiche partizipative Kulturprojekte gibt, die in die Stadt hineinwirken. Und sehr ermutigend, dass Verwaltung anders sein kann als man sie bisher kennt und dass dieses Beispiel Schule machen könnte.

    Der Schlusssatz von Martin Zierold trifft mich ganz besonders. Denn einen Tag zuvor hatte ich mit dem Leiter des Freiburger Literaturfestivals telefoniert. Ich hatte Mario Willersinn vom Kulturamt Freiburg angerufen, der das Lirum Larum Lesefest koordiniert. Mich begeisterte sein partizipativer Ansatz, Kinder in die Programmgestaltung mit einzubeziehen. Ich wollte wissen, welche Erfahrungen er damit gemacht hat. Es wurde ein langes tolles Telefonat, aus dem ich sehr viele Ideen mitgenommen habe, von denen ich einige nun im ländlichen Raum ausprobieren möchte. In Erinnerung geblieben ist mir der Satz des Freiburgers „Man darf auch scheitern“, den ich nach diesem Panel besser einordnen kann. Der Förderantrag für das Lesefest ist übrigens längst abgegeben. Wie gut, dass mir diese Veranstaltung Mut gemacht hat, neue Wege zu gehen, damit das Fest weiter an Relevanz gewinnen kann.

    Die Diskussion wurde aufgezeichnet. Das Video steht hier zum Nachschauen zur Verfügung.

    Beitragsfoto: Projekt OpernRasen, Strandbar vor der Bonner Oper. ©Giacomo Zucca/Bundesstadt Bonn

  • Kulturelle Bildung für alle?

    Kulturelle Bildung für alle?

    Wie Schulen mit Kulturorten zusammenarbeiten können, um möglichst viele Kinder für Kultur zu begeistern.

    Seit meiner Teilnahme am Hackathon „WirfürSchule“ in diesem Sommer lässt mich das Thema Bildung und Chancengerechtigkeit nicht mehr los. Sehr gespannt war ich daher auf das Webforum „Kulturelle Bildung und Schule – Potenziale für Bildungsgerechtigkeit“ des Rats für Kulturelle Bildung e. V.. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Das digitale Panel und die Break-Out-Sessions waren hochrangig mit praxiserfahrenen Expert:innen aus dem Bereich der kulturellen Bildung besetzt. Die Veranstaltung am 22. Oktober wurde moderiert von Bettina Münzberg und Prasanna Oommen und war sehr dicht an Informationen und Impulsen.

    Kulturelle Teilhabe ist Voraussetzung für Bildungsgerechtigkeit. Doch Schulen erreichen oft nur unzureichend diejenigen Kinder und Jugendlichen, die aufgrund ihrer Sozialisation und ihres sozioökonomischen Status nicht auf Kunst und Kultur zugreifen können.  Ob man ein Musikinstrument lernt, hängt hierzulande vom Engagement der Eltern ab. Doch warum ist kulturelle Bildung überhaupt wichtig? Bildung meint im Ergebnis einen Zustand, in dem der Mensch selbstverantwortlich fähig ist, sein Leben erfolgreich zu gestalten. Kulturelle Bildung unterstützt vor allem Kompetenzen wie Kreativität, kritisches Denken, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit.

    Kulturelle Bildung
    Ob man ein Musikinstrument lernt, hängt fast überall in Deutschland vom Engagement der Eltern ab. ©JeKits / Katja Velmans

    PROBLEM: Ungleiche kulturelle Teilhabe

    „Kaum etwas ist so ungleich verteilt wie der reale Zugang zu Kultureller Bildung“, sagt Aladin El-Mafaalani, Professor am Lehrstuhl für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück. In seinem Impulsvortrag ging er darauf ein, warum Kulturelle Bildung in Unterricht und Schule gestärkt werden muss.

    Zustand strukturellen Mangels

    El-Mafaalani, der vor kurzem das vielbeachtete Buch „Mythos Bildung“ veröffentlichte, vertritt die These, dass Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern in einem Zustand des strukturellen Mangels aufwachsen. Das heißt, dass eigentlich immer zu wenig von allem vorhanden ist: zu wenig Geld, zu wenig Freizeitmöglichkeiten, zu wenig Handlungsoptionen. Als Reaktion auf diese die strukturelle Knappheit werden die Kinder laut El-Mafaalani zu „Insolvenzverwaltern ihres Alltags“.

    Insolvenzverwalter des Alltags

    Die Potentiale der kulturellen Bildung, kognitive und körperliche Bereiche zusammenzubringen, seien enorm, fasst El Mafaalani zusammen. Aber es sei nicht einfach, die Handlungsmuster der „Insolvenzverwalter-Haltung“ zu durchbrechen. Diese Kinder seien aufgrund der sozialen Rahmenbedingungen fremdbestimmt, sie hätten keine Ressourcen für Dinge, die keinen unmittelbaren Zweck erfüllen. Aufgrund der knappen Ressourcen hätten es sich diese Kinder angewöhnt, kurzfristig denken und sich bei allem zu fragen: „Was bringt mir das?“.

    Fünf Fragen für die Konzeption von Bildungsangeboten

    El-Mafaalani formuliert fünf Fragen, die wir uns stellen sollten, bevor wir Bildungsangebote für diese Zielgruppe konzipieren:

    • Wo steht das Kind? Welche Fragen müssen wir stellen, um die Kinder abzuholen?
    • Wo steht man selbst?
    • Wer oder was könnte im Weg stehen?
    • Wo wollen wir hin? Was sind unsere Ziele?
    • Wie kommen wir dahin?
    Heike Kropf, Staatliche Museen zu Berlin
    Heike Kropff während des Webforums im Haus Bastian

    ANALYSE: Fehlende Diversität in Institutionen und im Curriculum

    Gläserne Decke im Bereich Kultur

    Heike Kropff, Leiterin Bildung und Kommunikation der Staatlichen Museen Berlin, ist sehr bewusst, „wer komplett fehlt“ an den Staatlichen Museen zu Berlin. Und damit meint sie nicht nur Besucher:innen. Heike Kropff spricht von einer „gläsernen Decke im Bereich Kultur“ und fordert, dass auch das Personal an Museen diverser werden müsse. Das Museum sei heute par excellence „ein Vorzeigeort für ungleiche Chancen“.

    Defizite in der Kommunikation

    Andreas Lehmann-Wermser, Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, räumt Defizite ein, in der Art und Weise, wie Kulturinstitutionen nach außen kommunizieren und Menschen ansprechen. Er nennt es „versteckten Rassismus“. Auch Schulen müssten sich öffnen und sich strukturell verändern. Weg von den „Eintagsfliegen“ (wie ein einmaliger Konzertbesuch) hin zur Qualität von langfristigen Bildungsangeboten (beispielsweise eine Bildhauer-AG oder ein Artist-in-Residence-Programm).

    Diverses Curriculum

    Eckart Liebau, Vorsitzender des Rates für Kulturelle Bildung, thematisierte, dass unser Bildungs-Curriculum zu homogen ist. Auch unsere Bildungsinhalte müssen diverser werden. Damit spricht er mir aus dem Herzen. Schon an der Uni begeisterte mich der Studiengang „Komparatistik“, der nicht nur einen einzigen Sprach- und Kulturraum, wie etwa die Germanistik untersucht, sondern Themen über verschiedene Sprach- und Kulturräume hinweg analysiert.

    LÖSUNG: „Dritter Ort“ / Kulturagenten / Musik und Tanz für alle

    Museumszelt auf dem Schulhof
    Die Wanderausstellung „Haltung zeigen!“ von lab.Bode zu Gast auf drei Berliner Schulhöfen © Staatliche Museen zu Berlin / Juliane Eirich
    Schulhöfe als Ausstellungs- und Aktionsort

    Das lab.Bode ist eine Initiative zur Stärkung der Vermittlungsarbeit in Museen. Es ist ein gemeinsames Programm der Kulturstiftung des Bundes und der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Lab-Mitarbeiter:innen erzählen im Webforum, wie sie mit Zelten auf Schulhöfe gereist sind und dort einen „Dritten Ort“ geschaffen haben. Laut Wikipedia umschreibt der Begriff „Dritter Ort“ in der Soziologie Orte der Gemeinschaft, die einen Ausgleich zu Familie und Schule bieten sollen. Er steht grundsätzlich allen Bevölkerungsschichten offen und soziale Unterschiede werden abgeschwächt.

    Ungleiche „Basics“ verhindern Bildungsgerechtigkeit

    Für einige Tage wurden die Schulhöfe also zum Ausstellungs- und Aktionsort. Dort haben die Museumsmitarbeiter:innen viel vom Innenleben der Schulen mitbekommen. Beispielsweise, wie verschieden allein schon die „Basics“ (Toiletten, Whiteboards, Internet…) an Schulen in der gleichen Stadt sind. Schon allein diese Unterschiede verhindern Bildungsgerechtigkeit. Die Projektmitarbeiterin Greta Hoheisel sieht Chancen vor allem in langfristigen Projekten, eigentlich hätten sie die Zelte für mindestens ein bis zwei Monate vor den Schulen aufschlagen sollen, resümiert sie.

    Kulturagenten

    Neu war für mich die Arbeit der Kulturagent:innen, die in mehreren Bundesländern Schulen mit Partner:innen aus Kunst und Kultur zusammenbringen. Annika Niemann, Kulturagentin in Berlin, stellte das Programm der Kulturagenten Berlin vor. Ihr Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen Neugier für künstlerische Aktivitäten zu wecken und mehr Kenntnisse über Kunst und Kultur zu vermitteln.

    Jedem Kind Instrumente, Singen, Tanzen

    Beeindruckend ist das größte Kulturelle Bildungsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen, welches das Land mit knapp 11 Mio. Euro jährlich fördert. Das zweijährige Programm JeKits unterstützt rund 1.000 Grundschulen bei der Kooperation mit außerschulischen Bildungspartnern wie z. B. Musikschulen oder Tanzinstitutionen. Es gibt drei alternative Schwerpunkte: Instrumente, Tanzen oder Singen. JeKits will möglichst vielen Kindern in Nordrhein-Westfalen den Zugang zu musikalischer bzw. tänzerischer Bildung eröffnen, unabhängig von ihren persönlichen und sozio-ökonomischen Voraussetzungen. 77.300 Kinder nehmen im Schuljahr 2020/21 an dem Programm teil.

    Jekits - Jedem Kind Instrumente Singen Tanzen
    Singen und Tanzen lieben fast alle Kinder. ©JeKits-Stiftung

    Fazit

    Die Einblicke und Diskussionen des Webforums fand ich sehr inspirierend. Kulturelle Bildung muss ein Schwerpunktthema sein, auch in der Schule, da waren sich alle Teilnehmer:innen des Panels einig. Die Expert:innen wünschen sich, dass das Personal an Museen diverser wird und wollen auch deswegen „für Berufe, die im Bereich Kultur liegen begeistern“. Gleichzeitig müssen sie zugeben, dass die Finanzierung oft schwierig ist.

    Das bringt mich zum Nachdenken. Wie soll es gelingen, Kinder und Jugendliche aus armen Verhältnissen für Berufe zu begeistern, bei denen ein sicheres Einkommen äußerst ungewiss ist? Denn genau das ist häufig der Fall im Kulturbereich: Es gibt wenig Stellen und oft sind diese befristet oder schlecht bezahlt. So dass dann im Notfall eben doch die Eltern einspringen müssen.

    Einige Ideen, die im Webforum „Kulturelle Bildung und Schule“ angesprochen wurden – wie der Dritte Ort – setze ich mit meiner eigenen Arbeit im Bildungsbereich bereits um. Bei der Konzeption des Lesefests 2021 in Preetz war es mir beispielsweise wichtig, einen öffentlichen Spielplatz als Veranstaltungsort zu wählen, um Literatur für möglichst viele Kinder und Familien zugänglich zu machen. Mit den Tipps von Aladin El-Mafaalani wird es mir hoffentlich gelingen, auch die „Insolvenzverwalter“ unter den Kindern mitzureißen.

    Und vielleicht gelingt es mir sogar, das Berufsbild des Kulturagenten in Schleswig-Holstein zu etablieren. Hier klafft bislang eine Lücke, die – möglichst diverse – Agentinnen und Agenten aus allen künstlerischen Bereichen schließen könnten, um Schule und Kultur zukünftig noch besser zusammenzubringen.

    Zur Aufzeichnung:

    Die Videoaufzeichnung der Veranstaltung wird in Kürze auf dem YouTube Kanal des Stiftungsverbunds Rat für Kulturelle Bildung zu sehen sein.

    Vom Veranstalter gibt es hier noch einen Rückblick auf das Webforum.

    Zum Weiterlesen:

    Mythos Bildung, El -Mafaalani

    Aladin El-Mafaalani, Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft, Kiepenheuer & Witsch 2020.

    Titelbild: Etienne Girardet