Secrets I Keep From The Internet

Irgendwann in den letzten Wochen bin ich aus dem Schlaf hochgeschreckt und hatte kurz die Schreckensvision einer Zukunft vor Augen, in der das Lesen komplett überwacht und jede Freiheit im Netz verloren ist. Kein Wunder, die derzeitigen Berichte über ständig neue Ausspähungen und Überwachungen im Netz verursachen wohl bei den meisten ein irgendwie mulmiges Gefühl.

Als Kind hatte ich mir immer gewünscht, einen Raum voller Bücher zu besitzen, in dem der Lesestoff nie ausgehen würde. In etwa so wie das Studierzimmer von Stephan Porombka. Während meines Studiums, wenige Jahre nach der Jahrtausendwende, als es noch keine eBooks gab, habe ich fast alle Primärtexte zumindest als Taschenbuchausgabe gekauft. Von Reisen nach Frankreich oder Italien brachte ich mir die Literatur fürs nächste Semester mit und erfuhr dabei, dass der Bestellservice über Nacht in deutschen Buchhandlungen ziemlich einmalig ist. Damals habe ich in Buchhandlungen sehr viel Geld für Bücher ausgegeben. Ich wollte die Bücher überallhin mitnehmen können, wichtige Stellen darin anstreichen und sie bei Bedarf mit einem Griff aus dem Regal ziehen können, um die Gedanken des Autors und meine Anmerkungen dazu nachzuschlagen. Ich erinnere mich, dass ich gegen Ende meines Studiums noch seitenweise Sekundärliteratur eingescannt habe, um sie irgendwann einmal zu lesen. Und was haben wir kopiert! Für die Freiheit, überall lesen zu können – nicht nur in der Bibliothek.

Der digitale Leser ist ein überwachter Leser

Nach dem Studium und mehreren Umzügen schrumpften meine Bücherbestände rasch zusammen. Es machte keinen Sinn mehr, physische Bücher in einem Raum zu stapeln, wenn die Bücher doch rund um die Uhr im Netz zum Download bereitstanden. Vieles davon gemeinfrei und sowieso viel mehr als man in einem Leben lesen kann. Das meiste rezipiere ich heute auch nicht mehr in einem Buch, sondern im Internet, auf Blogs und Twitter. Den Titel meines Blogs „Bücher im Netz“ habe ich nicht zufällig gewählt. Das Internet schien mir der perfekte Ort, um Wissen auszutauschen, zu teilen und zu vermehren. Doch seit Snodwens Enthüllungen über die unvorstellbare digitale Datensammlung und Überwachung durch die Geheimdienste gerät dieses Vertrauen allerorts ins Wanken. Sascha Lobo erklärte vergangene Woche, das Internet untergrabe als Medium der totalen Kontrolle die Grundlagen der freiheitlichen Gesellschaft. Der digitale Leser ist ein überwachter Leser.

Freiheit statt Kopierschutz

Die Aussage „Ein Buch, das es im Internet nicht gibt, existiert nicht“ war bislang Ansporn für mich, mehr Bücher ins Netz und damit zum Leser zu bringen. Heute finde ich diese Behauptung irgendwie tröstlich, obwohl ich weiß, dass es keinen Weg zurück gibt. Einen Raum voller Bücher möchte ich nicht mehr. Es ist Zeit für ein neues Internet, Zeit für neue digitale Räume. Vielleicht sollten wir unsere Energie nicht in den Kopierschutz unserer Bücher stecken, sondern in deren Freiheit.

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3 Kommentare

  1. Ein interessanter Text, überhaupt lese ich gerne in deinem Blog. Wahrscheinlich, weil ich ganz oft eine völlig andere Meinung habe und ich finde unterschiedliche Perspektiven immer spannend: Denn auch ich träume nicht mehr von einem Raum voller Bücher. Sondern von einem ganzen Haus voll…

    • Lieber Uwe, danke für deinen Kommentar. Ganz so weit auseinander liegen unsere Meinungen vielleicht auch wieder nicht, schließlich arbeite ich seit Jahren am liebsten in Häusern voller Bücher – den Verlagen.

  2. dot tilde dot

    „ständig neue“ ist offensichtlich ein missverständnis. es handelt sich um ein mosaik.

    .~.

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